Demenz gehört zum Leben wie Geburt und Tod

Die Moderatorin Bettina Tietjen hat ein Buch über die Demenz ihres Vaters geschrieben

Die Katastrophe offenbart sich durch einen Anruf der Wuppertaler Polizei abends um zehn. Bettina Tietjen, in Hamburg lebende bekannte Fernsehmoderatorin, erfährt, dass ihr 87jähriger Vater verwirrt ist und sich zuhause in Wuppertal ausgesperrt hat, während seine Betreuerin betrunken im Haus liegt und nicht ansprechbar ist. Es ist schon seit einer Weile klar, dass der Vater eine beginnende Demenz hat und nicht mehr allein zurechtkommt. Bettina Tietjen fährt sofort los und holt den Vater nach Hamburg. Sie hat Glück. In einem Heim in ihrer Nachbarschaft wird im Demenzbereich ein Platz frei, dort kann der Vater einziehen. Nun beginnt die große Umgewöhnung. Der Vater muss die neue Umgebung akzeptieren, was ihm mit Hilfe liebevoller und speziell für demente Patienten ausgebildeten Pflegekräfte und Therapeuten meistens gut gelingt. Schwieriger ist es für die Tochter, das schlechte Gewissen zu bekämpfen, das Gefühl, den Vater abgeschoben zu haben, die Sorge, dass er nicht zurechtkommt, womöglich vor Einsamkeit und Verwirrung in Depressionen verfällt. Tietjen, unterstützt von ihrer Familie, tut, was einer guten Tochter möglich ist. Sie besucht ihn fast täglich,  nimmt ihn zu Familienausflügen mit, gewöhnt sich an das zunächst manchmal befremdliche Leben auf einer Demenzstation. Natürlich ist nicht alles perfekt. Wegen Pflegekräftemangel können die Bewohner nicht täglich geduscht werden, es gibt Übergriffe von anderen dementen Bewohnern. Die Tochter gewöhnt sich daran, dass der Vater immer weniger kann und immer weniger wahrnimmt, dass es bei ihm und anderen Bewohnern öfter zu „Malheuren“ kommt, deren Beseitigung nicht gerade angenehm ist. Und ist überrascht, dass sich bei allen Veränderungen auch immer wieder Lichtblicke zeigen, der Vater sich an seine Kindheit, seine Frau und das frühere Familienleben erinnert und manchmal seinen früheren Witz und Scharfsinn aufblitzen lässt. Auch zeichnen kann der ehemalige Architekt noch, er tut es viel und gern. Beispiele seiner berührenden Zeichnungen sind im Buch abgedruckt. Neben den gemeinsamen Erinnerungen sind Bindeglieder zwischen Vater und Tochter, dass sie oft und gerne Gedichte rezitieren oder lange Spaziergänge machen, auf denen sie – wie früher – gemeinsam singen.

„Unter Tränen gelacht – Mein Vater, die Demenz und ich“ lautet der Titel des ergreifenden Berichts von Bettina Tietjen, und er ist durchaus wörtlich zu nehmen. Die alltäglichen Widrigkeiten, mit denen demente Menschen und mehr noch ihre BetreuerInnen zurechtkommen müssen, werden nicht beschönigt, aber aufgewogen durch Situationen voller Lebensfreude und Humor sowie die Erkenntnis, dass auch der letzte Lebensabschnitt mit Lebensqualität und Liebe gefüllt sein kann.

„Demenz gehört zum Leben wie Geburt und der Tod,“ zieht Bettina Tietjen Bilanz. „Es kann jedem von uns passieren, dass wir eines Tages in einen anderen Bewusstseinszustand hinübergleiten. Machen wir das Beste daraus.“

Dieses warmherzige, ehrliche, bei aller Tragik vergnüglich zu lesende Buch kann dabei eine große Hilfe sein.

Tietjen, Bettina: Unter Tränen gelacht – Mein Vater, die Demenz und ich, Piper Verlag München 2015, Taschenbuch 11 €

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.