Drei Kurznovellen

Der Fährmann

Ich hatte ihn viele Jahre nicht gesehen und erkannte ihn erst, als er sich in Erinnerung brachte. Ich bin doch der Willi, weißt du nicht mehr, der Verlobte von Annette. Oh ja, Annette, wie lange war das her. Annette war kurz vor dem Mauerfall aus der damaligen DDR übergesiedelt. Sie war hungrig auf den Westen gewesen, hungrig auf alles, was sie noch nicht kannte, suchte neue Freunde, wollte haben, was sie bis dahin nicht gehabt hatte. Ihre Gier auf die Freiheiten hierzulande war nicht zu sättigen: ein gut bezahlter Job, Urlaub, Sonne, Strand, Meer, flotte Kleidung, gute Restaurants. Sie nahm einen Kredit für das Wohnzimmer auf, dann noch einen kleinen für Fernseher, Kühlschrank und Computer. Sie bekam eine Stelle, nicht so gut bezahlt, wie sie gehofft hatte, die Hälfte ihres Gehalts ging für die Kredite drauf. Freundschaft und Zuwendung habe es in der DDR reichlich gegeben, erzählte sie oft und wurde dabei sentimental, man sei verbindlich gewesen und habe sich aufeinander verlassen können, man habe eine Clique, einen Kreis gehabt, Geborgenheit. Das wollte sie sich auch hier aufbauen, sie verfolgte es mit großer Energie. Und ein Mann sollte her, sie brauchte eine Rückenstütze, was Verlässliches, jemanden, der für sie da war. Sie verbrachte Monate im Internet und probierte alle Partnerbörsen durch, vertat Wochenenden mit fruchtlosen, frustrierenden Treffen. Die Erkenntnis, dass die Versprechungen des Kapitalismus auf Treibsand gebaut waren, die Schnelligkeit, mit der man hierzulande den Boden unter den Füßen verlieren konnte, versetzte sie in Panik.

Sie lernte Willi in der S-Bahn kennen, ein Trottel, wie sie mir erzählte, du lachst dich kaputt über den. Willi war ab da an ihrer Seite, er ließ nicht locker, war lieb und gut, trug sie auf Händen. Er hing an ihren Lippen, kaufte ein und schleppte die Taschen, wischte die Treppe, fuhr sie, wohin sie wollte. Ihren Spott ertrug er stoisch, er ließ ihn einfach ablaufen und legte sich für Annette ins Zeug, die Liebe seines Lebens. Später sprach er von ihr als seiner Verlobten, sie platzte vor Lachen, wenn sie es mitbekam. Ja, ja, der Bräutigam, zum Piepen, oder?

Ich verlor die beiden aus den Augen, später hörte ich, dass sie sich getrennt hatten und Annette zurückgekehrt war in den Osten, der jetzt keiner mehr war.

Ich sah Willi wieder, als ich eine Wanderung entlang der Wupper gemacht hatte und mich an der Müngstener Brücke von der Schwebefähre übersetzen lassen wollte. Der Ponton stand auf der anderen Seite, von drüben rief jemand, ob ich hinüber wolle, ich juhute zurück. Die auf Stahlseilen laufende Fähre setzte sich ruckelnd in Bewegung, ich sah den Fährmann und einen dunkelhaarigen Jungen die Antriebshebel hinauf- und hinunterpumpen, ein mühseliges Ackern, mit dem sie das Gefährt über die dahinschießende Wupper trieben. Der Fährmann trug ein blaues Käppi, auf das in gelber Schrift Schwebefähre Müngstener Brücke aufgestickt war. Er sprach mich mit Namen an und erklärte auf meine Überraschung hin, er sei doch der Willi, der ehemalige Verlobte von Annette, ob ich mich denn nicht erinnere. Nun erkannte ich sein gutmütiges Gesicht, ich erkannte ihn an dem Eifer, mit dem er die Fähre festmachte und mir das Gitter zum Einsteigen öffnete, dem leicht gebeugten Rücken, dem wuselnden Gang, der Beflissenheit. Er wies stolz auf den dunkelhaarigen Jungen, das sei sein Mitarbeiter Manuel aus Mexiko, er sei hier, um Deutsch zu lernen.

Während sie mich über das Wasser zurückschuckelten, erzählte Willi, er sei seit drei Jahren in Rente, kurz davor sei das Verlöbnis mit Annette geplatzt. Er habe vor der Alternative Alkohol oder Arbeit gestanden und habe sich für letzteres entschieden, nun sei er sehr dankbar für diesen Job, bei dem er so viele nette Menschen kennenlerne. Neulich habe er einen Kinderchor übergesetzt, der ihm zum Dank ein Ständchen gebracht habe, mitten in der herrlichen Natur. Der Gesang habe durch die ganze Wupperschucht gehallt, so wunderschön, dass es einem den Atem genommen habe. Und nun übe er mit Manuel spanisch, umgekehrt bringe er ihm deutsch bei. Man sei eben international, und überhaupt habe das Leben es gut mit ihm gemeint, er könne nicht klagen. Er helfe jedem und sei bei Problemen sofort zur Stelle. Er zog ein Kärtchen mit einer Handynummer aus der Brusttasche und überreichte es mir, dann begann er, auf spanisch bis zehn zu zählen und ließ mich dabei nicht aus den Augen, bis das Anlegemanöver seine Aufmerksamkeit forderte. Beim Abschied sagte ich muchos gracias zu Manuel und winkte Willi zu, der erwartungsvoll einem Wandergrüppchen entgegen schaute, das im Begriff war, den Anlegesteg zu entern. De nada, rief Manuel zurück, während Willi den Fahrgästen ihre Plätze zuwies und die Fähre startklar machte. Komm mal wieder vorbei, rief er, bevor sich das luftige Gefährt wieder in Bewegung setzte und über die Wupper zum anderen Ufer zuckelte.

 

Ilona

Sie hat eben nie allein sein können, vor allem nicht nachts, wenn die Schatten an den Fenstern vorbeiwischten und es auf dem Dach knackte, die Kinder im Schlaf wimmerten und schmatzten. Jemand der stark war musste neben ihr liegen, genau so wie sie das atmende Knäuel aus kleinen Leibern in dem zweiten Doppelbett brauchte, das sie in den Schlafraum gezwängt hatten. Manchmal kroch eins zu ihr in die Wärme, Fleisch von ihrem Fleisch. Sie konnte nicht sein ohne etwas, das an ihren Beinen quengelte und maunzte, ohne die hellen Äuglein, ihren Spiegel, der sie selbst zurückwarf, fünffach, sechsfach, kleine Orgelpfeifen, ihr ganzer Stolz. Wie sie da saßen, wenn sie sie Samstags in die Wanne gesteckt hatte, eins nach dem anderen, shampooduftend, gebürstet und geschrubbt vor dem Fernseher, die Wiener Würstchen in der Faust, von denen sie im Supermarkt immer einen ganzen Eimer nahm, dazu Brötchen und Gurkenstückchen, die in den schnirpsenden Mäulern verschwanden. Wie sie lauerten, bis Mama auf den Küchenschrank hinauflangte zur Schokolade, und dann die strahlenden Gesichter.

Das war in den guten Zeiten, wenn der Mann, der gerade mit ihr lebte, zuhause Geld für den Wochenendeinkauf abgegeben hatte, bevor er zu den anderen Männern im Stehimbiss an der Ecke verschwand, wo es ein bis zum Rand gefülltes Pinchen für 50 Pfennige gab. Er kam mit glasigem Blick zurück und wälzte sich über sie, bevor er schnarchend einschlief. Wenn sie auch etwas trank, gelang es ihr manchmal, ein wenig Süße daraus zu ziehen, die Illusion einer Zärtlichkeit. In diesen Phasen schnitt ihr das kreischende Lachen der blond aufgetürmten, zehn Jahre jüngeren Yasmines und Ivankas , die um den Stehimbiss strichen und ab einem gewissen Pegel mit großspurigen Einladungen rechnen konnten, ins Herz, außer ihrem dicken Bauch gab es nichts, womit sie hätte dagegen halten können.

Mit jedem Mann ging es höchstens drei, vier Jahre gut mit. Schwer zu sagen, ob es an den Kindern lag, die jedes Jahr auf die Welt purzelten, elf wurden es insgesamt. Die Kerle ergriffen die Flucht vor dem Gewusel und fingen an zu prügeln, sobald das erste Liebeshoch vorbei war. Eigentlich lag es am Schnaps, an allem war nur der vermaledeite Schnaps schuld. Der zweite Mann war ein Türke, von ihm stammten drei Kinder. Als er zu prügeln anfing, sprang der neue Nachbar ihr bei, ein Pole, der sich gerade von seiner Frau getrennt hatte. Er hatte seine Arbeit verloren und war auf der Flucht vor dem Gerichtsvollzieher wegen ausstehender Unterhaltszahlungen. Nachdem er dem Türken die Faust gezeigt und ihn zurück an den Bosporus gejagt hatte, stand er lächelnd vor Ilona und leerte seine Taschen aus. Fünf Mark förderte er zutage von denen er Wodka kaufte und eine Schachtel Pralinen, ganz allein für dich, Ilonka, sagte er, davon gibst du keinem was ab.

Die schwarzen Augen der Türkenkinder passten ihm nicht und er wollte sie nicht mehr am Esstisch sehen. Ilona weinte gleich mit, wenn sie ihnen den Teller auf die Treppe stellte und dem kleinen Ali die Tränen herunterliefen. Ab der neunten Schwangerschaft kam der Pole nur noch selten zu den Mahlzeiten, sodass sie ihre Ruhe hatten. Ilona war froh, wenn die Kleinen in den Betten lagen, jeweils drei teilten sich eins, und sie hoffte, dass der Alte erst kam und herumpöbelte, wenn sie schon schliefen. Als sie zu dick geworden war, kam er gar nicht mehr und das Gerücht, er sei bei Paulina eingezogen, verbreitete sich schnell in der Siedlung. Ilona hatte zwar keine Sehnsucht nach ihm, aber dass er ihr kurz vor der Entbindung Hörner aufsetzte, gab ihr trotzdem einen Stich.

Nach der Geburt stand der kleine Hein mit einem Liter frischer Milch vor der Tür, er hielt ihn ihr linkisch hin mit dem schüchternen Grinsen, das seine Zahnlücken zeigte. Im Vergleich zu ihren ersten Männern war er eine halbe Portion, niemals hätte er einen Nebenbuhler in die Flucht schlagen können. Ilona nahm ihn trotzdem, weil er so hartnäckig warb und nur mäßig trank, weil er Verantwortung für die Kinder übernahm und immer nett und höflich blieb, egal, wie turbulent es zuging. Mit Hein zeugte sie die beiden letzten, er unterstützte sie bei der Aufzucht und gab am Freitag immer sein Geld ab. Womit habe ich so einen Mann verdient, sagte Ilona manchmal stolz, er ist zu gut für diese Welt. Er ließ sich von ihr seine Schnapsrationen zuteilen und es gab deshalb nie Ärger, niemals in ihrer ganzen Ehe, die zwanzig Jahre hielt, bis zu Heins Tod. Die Zeit mit ihm war wirklich ihre beste, obwohl sie nicht gerne an sein Ende dachte, Lungenkrebs, was für ein Elend das war.

Hein stand Ilona auch bei, als zwei der Türkenkinder an Drogen gerieten, er machte alles mit durch, die Unruhe der Jungen, die glänzenden Augen mit den kleinen Pupillen, die Nervosität, man wusste gleich, dass wieder was im Busch war. Die Panik wühlte in Ilonas Gedärm, wenn die Jungen auf Entzug kamen, die Wutausbrüche, das Geschrei, die Schmerzen, das Durchwühlen der Schubladen, sie gewöhnte sich nie dran, schaffte es aber nicht sie rauszuschmeißen. Stattdessen gab sie ihnen das letzte Geld, das sie auftreiben konnte, und sie verschwanden damit. Dann schickte sie die Kleinen zum Schlachter, damit sie um Wurstbrühe bettelten, und rieb Kartoffeln hinein, das musste reichen. Brot und Obst gab es zum Glück von der Kirchengemeinde und der Tafel, die Kinder brauchten Vitamine und was im Bauch zum Wachsen. Das waren überhaupt die Situationen, in denen sie an Gott glaubte, wenn Hilfe in ausweglosen Situationen kam. Ilona hatte Schweres durchgemacht, manchmal war alles über ihre Kraft gegangen, aber es war auch immer wieder ein Licht in der Dunkelheit erschienen. Einigen Anteil daran hatte Andrea, die Sozialarbeiterin der Kirche, die Ilona all die Jahre, in denen die Kinder klein waren, unter die Arme griff. Ob Lebensmittel oder Kleidung, auf Andrea war Verlass, sie schleppte heran, was möglich war. Demir, der mittlere der Türkenkinder, bekam eine Lungenentzündung und lag im Krankenhaus auf Leben und Tod, danach verschaffte Andrea ihm einen Erholungsaufenthalt in Bayern. Und die sechs Kleineren konnten dann auch noch mitfahren, und Ilona. Sie besetzten den halben Reisebus und bildeten zusammen mit anderen Kindern und Müttern aus der Siedlung eine fröhliche Reisegesellschaft. Sie waren oft in Lachlaune und sangen, in der Berghütte, in der sie untergebracht waren, kochten sie gemeinsam riesige Suppenkessel mit Fleisch und frischem Gemüse. An die Zeit in der guten Bergluft und mit der Gemeinschaft dachte Ilona, wenn mal wieder alles über ihr zusammenbrach. Ganz schlimm wurde es, als die Jungen starben, einer nach dem anderen, innerhalb von vier Wochen. Ilona sprach danach drei Monate nicht, obwohl Hein mit allen Mitteln versuchte, sie aus der Erstarrung zu lösen. Dann ging es besser, aber der Stachel blieb. Wenn sie über ihr Leben nachdachte, war ihre Bilanz positiv, sie hätte alles noch einmal so gemacht. Nur diesen Schmerz hätte sie sich nicht noch einmal ausgesucht.

 

VomTod

Die erste Begegnung mit dem Tod hatte ich bei meinem Großvater, den ich aufgebahrt sah mit wächsernem, schmalem Gesicht, in dem seine große Nase noch einmal gewachsen zu sein schien. Das ist er nicht mehr, dachte ich, und es war ein Trost, dass da nicht mein lärmender, dröhnender Opa war, sondern nur diese leere Hülle ins Grab gelegt wurde. Meine Großmutter, die kurz danach im Krankenhaus starb, bekam ich gar nicht zu Gesicht. Das war in meiner Pubertät, außer bei Großeltern schien mir der Tod so unendlich fern, dass ich nicht darüber nachdachte.

Ich heiratete früh, bekam zwei Kinder und trennte mich wieder, meine beste Freundin war mit allem etwas später dran. Sie hatte während der Zeit, in der ich mit Kleinkindern beschäftigt war, ein Liebesverhältnis mit ihrem verheirateten Chef, das ihr sehr viel Kummer machte. Das konnte ich in meinem ganz anders gelagerten Alltagsstress kaum nachvollziehen. Mit Mitte Zwanzig lernte sie einen anderen Mann kennen, den sie heiratete, obwohl sie mir einmal gestand, ihn nicht zu lieben. Den Schmerz um die unerfüllte Liebe trug sie mit sich herum, ich wusste, dass es eine tiefe, vergrabene Wunde war. Als meine Kinder aus dem Gröbsten heraus waren und ich mein Leben auf eigene Füße stellte, wurde sie schwanger. Sie freute sich sehr auf das Kind, hatte aber mit großer Übelkeit zu kämpfen und erbrach manchmal But, deshalb wurde sie zu einem Gastroenterologen geschickt.

Ein Magenkarzinom war das Ergebnis der Untersuchung, keiner von uns sprach das Wort Krebs aus. Ein Teil des Magens müsse entfernt werden, das sei kein so großes Problem. Dann esse ich eben Brei mit meinem Kind, sagte sie, das werden wir schon hinkriegen. Jede weitere Nachricht war ein Hammerschlag: Man schnitt sie auf und machte sie gleich wieder zu, jeder wusste, was das bedeutete. Dann eine Abtreibung und härteste Chemotherapie, monatelang. Im Krankenhaus sah ich sie dahinschwinden, hohlwangig, Ringe unter den Augen. Ärzte, die sie unter Beruhigungsmittel setzten, obwohl sie das nicht wollte; sie spüre und wisse trotz der Medikamente alles, sie könne sich nur nicht mehr verhalten, es sei eine Folter, ein chemisches Gefängnis, sagte sie. Eine Ärztin, die ihr unvermittelt sagte, sie habe noch keinen Patienten mit Lebermetastasen gesehen, der länger als ein halbes Jahr überlebt habe. Raus aus dem Krankenhaus, rein ins Krankenhaus, so ging es fast ein Jahr lang, in dem sie immer weniger wurde.

Einmal, als ich sie besuchte, zeigte sie mir weinend einen Brief. Der ehemalige Chef, ihre große Liebe, hatte ihr geschrieben, er sei jetzt frei für sie, ob sie es nicht nochmal versuchen sollten. Sie zerriss den Brief und antwortete nicht. Er soll nicht wissen, dass ich sterbe, sagte sie und es war das erste Mal, dass sie es aussprach. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und weinte zuhause, auch aus Verzweiflung darüber, keinen Trost für sie zu haben. Wie soll man eine Dreißigjährige trösten, deren Kind getötet wurde und die weiß, dass auch sie sterben muss? Bei meinem vorletzten Besuch war sie stark und sah gut aus, wir lachten viel, sprachen über unsere Schulzeit und die Pubertät und den Spaß, den wir zusammen gehabt hatten. Beim letzten Mal lag sie zu Hause, ihre verzweifelte Mutter war bei ihr. Sie hatte Sonden in der Halsschlagader und im Arm, die Speiseröhre war verschlossen, sie konnte nicht mehr sprechen und nichts mehr hinunterkriegen, noch nicht mal mehr Wasser mit einem Strohhalm.

Einige Tage später ein Traum am frühen Morgen: Sie kommt zu mir und sieht wohl und gesund aus, dann geht sie in ein strahlendes Licht. Sie ist ja gar nicht krank, sie ist tot, sage ich und wache damit auf. Wenig später kommt der Anruf, dass sie erlöst ist. Ich sehe das helle Licht, ich gehe hinaus an diesem strahlend schönen Oktobertag, ich schaue in den Himmel und bitte darum, dass sie dort oben ist und nicht in dem dunklen Krankenhauskeller. Sie kommt mehrmals, an diesem Tag und an den folgenden, ich weiß, dass sie nicht weg ist, sie ist an dem strahlend weißen Ort, an dem es ihr gut geht. Und ich weiß, dass sie mir ein Geschenk gemacht hat, das ich mit mir trage, solange ich lebe.

Es folgten viele Jahre, in denen ich mehr mit dem Leben beschäftigt war, als mit dem Tod. Manchmal war es schwer und ich wünschte mir Auswege. Der Tod war jedoch keiner mehr, so wie ich es früher manchmal gedacht hatte, ich wusste nun, dass der Tod nur ein anderes Stadium unserer Existenz ist. Der Zufall, der natürlich keiner war, wollte es, dass ich kurze Zeit später einige Buddhisten kennenlernte, die den tibetischen Ritus ausübten. Sie wiesen mich in ihre Praxis ein und ich las alles, was ich finden konnte. Über das Bardo, den Zustand zwischen dem Sterben und der Ankunft in der allumfassenden Klarheit, in dem man immer der Helligkeit folgen und die bösen Geistwesen – eigenen Projektionen- die einen anspringen und attackieren, außer Acht lassen soll. Über das Schicksalsrad Samsara, das man durchläuft wie der Hamster sein Rad, über das Karma, das man sich durch falsche Taten, Ignoranz, Neid und Hass selbst auflädt, über die Demut, die größte Lektion, die das Leben für uns bereithält und die uns hilft, unser Karma zu erfüllen. Ich lernte den tibetischen Lehrer Tenga Rinpoche kennen, dessen Ausstrahlung unaussprechlich war, dessen Blick mich segnete und meine Augen immer weiter öffnete. Ihr seid alle erleuchtet, sagte er, wenn ihr die Wolken vorbeiziehen lasst, steht der Himmel euch offen.

Dann gab es diesen Tag, an dem ich eine Sitzung im Kölner Gewerkschaftshaus hatte. Die Kollegen standen aufgeregt im Flur und fragten, ob ich Ahnung von Erster Hilfe hätte, ein Mitarbeiter sei umgefallen. Ich ging in das kleine Büro, da lag er auf dem Boden, die Augen weit geöffnet und nach oben starrend. Ich hockte mich neben ihn und nahm seine Hand, sprach beruhigend auf ihn ein, es komme gleich Hilfe, der Krankenwagen sei unterwegs, und was man dann so sagt. Ich konnte den Blick nicht von seinen Augen wenden, die seltsam schillerten und, so schien es mir, etwas sahen, das nichts mit diesem Zimmer und diesem Ort zu tun hatte. Ich saß ganz ruhig und hielt die Hand des Mannes, als sich ein Glanz von ihm löste und nach oben stieg, eine helle, transparente Wolke, die mich einen Moment mit großem Glück erfüllte. Die Temperatur der Hand des Mannes änderte sich und ich konnte nicht aufhören, seine Augen zu beobachten, unter deren Lidern das Schillern langsam erlosch. Sanitäter mit Taschen und Maschinen stürzten herein und ich hätte ihnen am liebsten gesagt, es sei vorbei, sie sollten den Mann in Ruhe lassen.

Und schließlich meine Nachbarin aus der Marienstraße, mit der ich zwanzig Jahre zusammengewohnt und Freud und Leid geteilt hatte. Ich war gerade in eine kleine Wohnung einige Straßen weiter gezogen, als sie mich anrief: ein Lungenkarzinom, der Arzt habe gesagt, sie solle ihre Angelegenheiten regeln. In den folgenden Monaten wollte sie niemanden sehen und ließ nur ihre Schwester in die Wohnung und die Ärzte, die sie mit immer stärkeren Medikamenten versorgten. Mit einigen Freunden verbrachten wir Heiligabend bei ihr, sie trug ein Mützchen auf ihrem kahlen Kopf, sprach wenig, kuschelte sich aber an mich und ich hatte sie den ganzen Abend im Arm. Nach Weihnachten war ich für einige Wochen nicht da, wenn ich mich bei ihrer Schwester nach ihr erkundigte, hörte ich immer, sie wolle keinen Besuch und gehe auch nicht ans Telefon. Eines Morgens versuchte ich es doch auf ihrem Handy, sie ging dran und sagte, sie sei im Krankenhaus. Ob ich kommen solle, und wann? Sofort, sagte sie, sie habe nicht mehr viel Zeit. Ich fuhr ins Krankenhaus und kam dazu, wie eine junge, sehr überforderte Ärztin ihr in einem kurzen Gespräch erklärte, sie sei nun austherapiert und man müsse einen Platz im Hospiz finden. Krankenschwestern brachten sie in einen Untersuchungsraum und zogen ihr mit einer Spritze literweise Wasser aus dem Körper. Währenddessen lehnte sie sich an mich und ich hielt sie, froh, ihr diesen Dienst erweisen zu können. Dann kam sie in ein Hospiz und lag in einem Einzelzimmer, zu dem wir jederzeit Zutritt hatten. Sie hatte große Schmerzen, die Morphiumdosen wurden immer höher. Nach zwei, drei Tagen sah es so schlecht aus, dass wir sie nicht mehr alleinlassen wollten und Pläne machten, wer wann bei ihr wachen sollte. Ich fuhr abends nach Hause, um einige Sachen für die Nacht zu holen, außerdem packte ich Musik und ein paar Kerzen ein. Ich sollte um zehn meine Schicht antreten, aber schon gegen acht packte mich große Unruhe und ich fuhr wieder hin. Ihre Schwester kam mir auf dem Flur entgegen und sagte, sie frage nach mir, es sehe nicht gut aus. Ich ging hinein, sie nahm meine Hand, zeigte nach oben an die Decke und guckte mich fragend an, aus ihren Augen sprach äußerste Not. Es wird gut sein, da, wo du hingehst, sagte ich, es ist eine Erlösung, alles wird hell und leicht sein. Sie ließ sich zurücksinken, an der anderen Seite des Bettes stand ihre Tochter. Ja, Mama, du schaffst es, rief sie plötzlich, lass einfach los, ja, du schaffst es. Wir sahen, wie sie starb und hinaufging, die Qual auf ihrem Gesicht wich einem großen Frieden. In den folgenden Stunden saßen wir bei ihr und weinten, sie wurde immer schöner in dieser Zeit, und als die freundlichen Mitarbeiterinnen des Hospizes sie gewaschen, gekleidet und den kahlen Kopf mit einem Tuch umhüllt hatten, sah sie aus wie die schöne junge Frau, die sie einmal gewesen war.

Seitdem sind noch viele dazugekommen, jetzt ist es schon eine ganze Schar, die auf der anderen Seite des Vorhangs steht. Ich sehe sie körperlos in ihren lichtdurchflossenen Räumen, an Brunnen sitzend in ihren Gärten und Wiesen, und ich weiß, wenn ich zu ihnen blicke, dass das Ende auch immer wieder ein neuer Anfang ist.