Krebs

Ich kann nur langsam zurückblicken, nach fast drei Jahren fällt es immer noch schwer. Ich habe die ganze Geschichte in Watte gepackt, die Schwäche, die Schmerzen, die Angst vor Metastasen und dass vielleicht bald alles vorbei ist. Manchmal erschrecke ich immer noch vor meiner Gewissheit davongekommen zu sein. Wer weiß, wie lange? Immer noch sitze ich vor dem Kokon „Krebs“, der seinen Inhalt umwölkt, verschleiert, verpuppt, dessen Explosivität ich nicht einschätzen kann.

Sommer 2014. Ich bin guter Dinge, will nach Bayern fahren und habe für den Herbst einen vierwöchigen New York-Aufenthalt geplant und schon bezahlt. Noch schnell zur Frauenärztin, wie jedes Jahr im Juli, Vorsorge. Wir reden, wie immer, während sie meine Brust abtastet. Da hält sie mitten im Satz inne, betastet einen Knubbel in der rechten Brust und lässt mich auch fühlen. Er ist weich und lässt sich verschieben. Ist doch nur eine Muskelverkrampfung, denke ich. Die Augen der Ärztin sind schreckhaft aufgerissen: Sofort ins Brustzentrum der Landesfrauenklinik. Ich bekomme noch einen Termin am gleichen Nachmittag. Dort, nach dem Röntgen, der gleiche alarmierte Blick von zwei Krankenhausärztinnen: Keine Chance, da ist ein Tumor, ein weißes, verdichtetes Gewebe, und – eine der Ärztinnen beugt sich ganz nah zum Monitor, der meine linke Brust abbildet – da könnte auch was sein, ein helles Spinnengewebe mit einem winzigen weißen Kern.

Am nächsten Tag die Biopsie, eine Gewebeprobe wird entnommen. Die Ärztin schießt mit einem revolverähnlichen Gerät eiserne Pfeile in meine Brust. Bei dem tastbaren Knubbel geht es leicht, nach drei kräftigen Schüssen hängt an den Pfeilen ausreichend Fleisch, das im Labor untersucht werden kann. Das Spinnengewebe fügt sich nicht so schnell, sechs oder sieben Mal muss die Ärztin abdrücken, bis das Zentrum getroffen ist. Er tut höllisch weh, dieser erste Schritt ins Reich des Martyriums. Ein paar Tage später der Laborbericht: MammaCA Grad drei, das bedeutet mittelschwer, die Behandlung ist unumgänglich. Die Oberärztin nimmt mich heulendes Elend in den Arm und versucht vorsichtig, mir den New York-Plan auszureden: „Ein knappes Jahr werden Sie damit beschäftigt sein, Ihre Heilungschance liegt bei 85 Prozent, es lohnt sich also.“

Dann zwei OP-Termine, Gott sei Dank unter Vollnarkose . Rechts habe ich nach der OP gar keine Beschwerden, der linke Arm ist stark angeschwollen und tut weh, man hat ihn mir auf der Suche nach dem Wächterlymphknoten fast ausgekugelt. Ich kühle die Schwellung und habe nun eine Woche Zeit zu zittern, bis die Befunde da sind. Wichtigste, alles entscheidende Frage: Sind die Lymphknoten befallen? Nein, ich habe Glück, beidseitig noch einmal davongekommen. Der Port für die Chemotherapie wurde eingepflanzt, ein Schlauch, der durch die Vene bis zum Herzen führt und dicht unter der Haut eine Einstichstelle für die Kanüle hat, durch die das Gift in mich hineinlaufen kann. Abends zuhause bewege ich mich etwas zu schnell und kriege starke Herzschmerzen mit rasender Todesangst. Dann gewöhne ich mich langsam an den Fremdkörper unter meinem Schlüsselbein, aber nie richtig.  Ein eckiges Ding sitzt unter meiner Haut, wenn ich es betaste, schüttele ich mich vor Ekel.

Ich schreibe eine SMS an die Kinder, die im Urlaub sind, und tröste sie, als sie weinend anrufen. Alles wird gut, es wurde früh genug entdeckt, ich weiß, dass alles gut wird.

Zur ersten Chemo gehe ich noch mit meinem eigenen Haar. Die Helferinnen in der onkologischen Praxis sind schnell, routiniert, behutsam und sehr freundlich. Durch den Port wird Blut abgenommen, wenn die Werte in Ordnung sind, geht es an den Tropf in einem großen Raum mit einer wunderschönen Sicht auf Elberfeld. Wir sitzen in großer Runde, Männer und Frauen, manche mit Haaren, manche ohne. Ich verkrieche mich hinter den Zeitschriften, am liebsten Gala, Bunte oder Brigitte, tauche ein in die Welt der Schönen und Reichen, in der es keinen Schmerz gibt, keine tropfenden, giftigroten Lösungen, die die Zellen zerstören, kein Kortison, das mich aufschwemmt und mir den Schlaf raubt. Insgesamt muss ich sechzehn Mal dort hin. Am Anfang bekomme ich vier starke Chemos in einem Abstand von drei Wochen, dann zwölf leichtere einmal in der Woche. Nach der ersten Behandlung ruft mich morgens der Arzt Dr. Fett an: Ob ich alles vertragen hätte? Ja, die Nacht war einigermaßen. Dann haben wir die Aussicht, dass es gut weitergeht, sagt er. Ich bin beruhigt, dass er sich so kümmert, im Freundeskreis habe ich ganz andere Geschichten gehört von in ihrem Kampf gegen die Nebenwirkungen alleingelassenen Patienten. Während der Chemophase bleibt Dr. Fett ganz an meiner Seite, ist immer ansprechbar und stellt die Medikamente um, wenn es mir schlecht geht.

Zwei Wochen nach der ersten Chemo geht es los, ich fasse mich an den Kopf und habe die Hand voller Haare. „Wenn es so weit ist, kommen Sie vorbei,“ hat die auf solche Fälle spezialisierte Friseuse, bei der ich meine Perücke bestellt habe, gesagt, „dann rasiere ich die Haare ab und setze Ihnen die Perücke auf.“ Sie habe es auch schon hinter sich, erzählt sie, vor sieben Jahren: „Man kann es schaffen!“

Überhaupt wundere ich mich, wie viele es in meiner Nähe sind, die auch nicken, wenn sie hören, was mir geschehen ist. Jede neunte Frau trifft es, lese ich in den Statistiken, warum also nicht mich? Die Rasur erledigt die Friseuse diskret in einer abgetrennten Kabine. Der nackte Kopf ist ein Schock, sie setzt mir schnell die Perücke auf, mit der ich aussehe wie eine Dame frisch vom Friseur. Obwohl das blonde Teil, wie alle versichern, mir prächtig steht, komme ich mir fremd vor und setze die Perücke in dem ganzen Jahr vielleicht dreimal auf. Sonst Mütze, meine Freundin hat mir eine weiche aus Kaschmir gestrickt, die ich bis zu den Augen runterziehe, das erscheint mir am Stimmigsten.  Ich brauche ein paar Tage, bis ich meinen nackten Kopf im Spiegel angucken kann, ich muss mich langsam herantasten. Aber plötzlich hat es was. Das bin nur ich, ganz pur, etwas angeschwollen nach Chemo zwei, aber trotzdem stark, ein kahlrasierter Boxer im Ring. Zwischen den verbliebenen Stoppeln meine alte, schorfige Kopfhaut. Ich reibe sie in den folgenden Tagen mit einem Frotteewaschlappen ab, Stück für Stück, darunter kommt frische, glänzende Haut zum Vorschein, wie neu.

Im Krankenhaus wird ein Schminkseminar angeboten, an dem ich teilnehme. Lidschatten, Lidstrich, Make up, Rouge, Lippenstift, wir probieren alles aus. Die Gesichter um mich herum bekommen Konturen und werden frischer. Eine Frau erzählt, dass sie ihre Perücke auch nachts trage, weil ihr Mann die Glatze nicht sehen könne, andere Frauen nicken, sie kennen das. Lieber keinen Mann als so einen, denke ich. Überall liegen Prospekte der Organisation herum, die diese Schminkseminare anbietet. Die Frauen sollen schön und selbstbewusst bleiben, lautet die Message, und sich schon gar nicht unterkriegen lassen. Aus jedem Prospekt schaut eine Frau, schön geschminkt, mit einem Schal als Turban um den Kopf gewickelt, von dem an einer Seite die Schalenden herunterbaumeln. Oriental look. Die Bilder machen mich aggressiv. Abgesehen davon, dass Schals mir auf der Kopfhaut herumrutschen und ich sowieso etwas gegen asymmetrische Frisuren oder Kleidungsstücke habe, ist der Turban-Look für mich der Inbegriff von Krebs, so würde ich niemals herumlaufen.

Ab Chemo fünf werde ich wöchentlich mit Gift abgefüllt, jeden Montag zwischen 12.00 und 14.00 Uhr. Ich weiß, dass Leute, die noch stärkere Kaliber brauchen als ich, bis zu sechs Stunden an dem Tropf hängen müssen, weil der Coctail so stark ist und nur sehr langsam laufen darf, damit er die Vene nicht zerstört. Also Glück gehabt. Zuerst ein Beutel gegen die Übelkeit, dann eine ordentliche Portion Cortison, danach die rote Giftbrühe, die mir einen fiesen Geschmack im Mund macht und, nachdem sie mir schon die Haare geraubt hat, nun auch die Fingernägel ablöst. Diese zwölf Wochen – Chemo fünf bis Chemo sechzehn – dehnen sich unendlich. Das Cortison putscht mich auf, sodass ich kaum schlafen kann und anfange, meine ganze Wohnung auseinanderzureißen, Bücher auszusortieren, Schränke umzuorganisieren. Freunde und Familie fragen sich allen Ernstes, ob ich sie noch alle habe. Glücklicherweise kann ich auch schreiben und schaffe in den Monaten, in denen Chemo, Couch und Bestrahlungen meinen wesentlichen Horizont bilden, ein ganzes Buch.

Einmal, das Bild kann ich bis heute nicht verscheuchen, sitzt ein vielleicht sechzehn-  oder siebzehnjähriger Junge in dem Chemo-Kreis, er ist bleich und hat kaum Haare. Plötzlich erbricht er wie eine Fontäne und schämt sich entsetzlich, obwohl alles sehr schnell weggewischt wird und Dr. Fett kommt und ihm die Hand hält. Dann kommt ein älterer Mann, vielleicht der Opa des Jungen, und bringt ihm eine Tasche voller Videospiele und Filme. Die Hilflosigkeit dieses liebevollen Herren ist fast noch schwerer anzusehen als das Elend des Jungen.

Nach dem Ende der Chemo bleiben mir zwei Wochen bis zum Beginn der Bestrahlung. Ich habe durch die Fressanfälle nach dem Kortison vier Kilo zugenommen.  Also kein ausgemergeltes, sondern eher ein aufgeschwemmtes Elend mit einem dicken, schwabbeligen Ring um den Bauch. Ich fahre mit einer Freundin nach Holland und bin so erschöpft, dass ich keine gute Reisebegleiterin abgebe. Meistens friere ich entsetzlich, große Strecken laufen kann ich auch nicht.

Dann der erste Termin in der Strahlenklinik. Meine Tumore werden vermessen und ich werde mit schwarzem Edding bemalt wie eine Landkarte. Ab jetzt nicht mehr duschen, damit die Markierungen auf der Haut bleiben. Auch das noch!

Der Bestrahlungsraum ist riesig. In der Mitte eine schmale Liege, wie eine Leichenbahre, auf der man mit den Armen nach oben zurechtgelegt und festgeschnallt wird. „Nicht rühren!“ lautet das Kommando. Über mir hängt an der Decke ein riesiger schwenkbarer Arm mit der Bestrahlungsbombe. Das Personal verlässt den Raum und beobachtet mich aus einem Nebenraum, wie ich da liege, nackt, gefesselt, unbeweglich, voller schwarzer Striche. Die Bombe umfährt mich mehrmals dröhnend, dann der erste Schuss: ca. 15 Sekunden mit rotem Licht und einem scharfen Ton, dann aus einer anderen Position noch zwei- dreimal, wenige Sekunden, das Gleiche auf der anderen Seite. Nach zehn Minuten bin ich fertig, das geht ja ganz gut. Acht Wochen lang ist das jetzt mein Leben: jeden Morgen mit dem Taxi zur Klinik und wieder zurück, 40 Mal insgesamt. Ich werde müde von den Bestrahlungen, wenigstens schlafen kann ich jetzt wieder einigermaßen.

Die Taxifahrer sind ein eigenes Kapitel in dieser Geschichte. Allein schon die Gerüche in den Wagen: Raucher (oder Nichtraucher), Duscher (oder Nichtduscher), Benutzer von Eau de Cologne oder Rasierwasser – alles riecht meine mittlerweile wohl übersensibilisierte Nase mit großer Intensität. Es gibt auch Taxifahrer, die Duftstreifen aufhängen. Bei der Sorte „grüner Apfel“ würgt es mich und ich muss den Fahrer bitten, den Streifen abzunehmen. Es gibt die Vielredner oder die Schweiger, beide sind unangenehm, auch die Schnellredner und die aggressiven Redner. Manche sind mitfühlend, sie wissen, wohin die Reise geht und fragen vorsichtig, wie es mir geht. „Ach, es geht, bald ist es vorbei,“  ist wohl mein am häufigsten geäußerter Satz in dieser Zeit.

Ab Bestrahlung zwanzig etwa wird es richtig unangenehm. Damit die Markierungen auf meiner Haut nicht immer abgehen und neu vermessen werden müssen, hat man mir Schutzpflaster darüber geklebt. Unter diesen bilden sich jetzt kleine Blasen, die anfangen zu nässen. Der Arzt, dem ich das zeige, guckt besorgt. Ich bekomme eine weiße Paste für die nässenden Stellen, die Bestrahlungen gehen weiter. In wenigen Tagen bildet sich über meiner Brust ein feuerrotes Dreieck aus rohem, offenen Fleisch. Es ist heiß und tut furchtbar weh. Ich bekomme Kortisonsalbe, die ich großflächig auftrage, das lindert etwas. Dennoch sind die letzten zehn Bestrahlungen eine Qual und ich bin am Ende bis auf die Knochen erschöpft.

Inzwischen sind wieder Haare gekommen, seltsame Locken, die ich vorher nie an mir gesehen habe. Auf der Brust bildet sich langsam neue glatte Haut.

Noch ein Wort zu den Reaktionen der Umwelt. Die meisten sind in Ordnung. Freunde und Familie stehen an meiner Seite und kümmern und sorgen sich. Meine Geschäftskunden wissen von der Krankheit, sie schonen und schützen mich. Kleine Aufträge und gelegentlichen Unterricht kann ich machen, einmal sogar eine gut besuchte Lesung in der Unibibliothek, die ich blond und stark geschminkt überstehe. Zum Glück sind ein paar Wimpern geblieben, mit viel Tusche bringe ich meine Augen einigermaßen zum Strahlen.

Es gibt aber auch Leute, deren Blick abirrt, wenn sie das Wort Krebs hören. Eine Frau aus dem Bekanntenkreis lässt mich an der Supermarktkasse stehen, als ich ihr sage, was ich habe, sie verabschiedet sich noch nicht einmal.

Drei Wochen Reha sind der Schlusspunkt, ein neues, wenig rühmliches Kapitel.  Der Helios-Konzern, bestens bekannt als gewinnorientierte Krake, die inzwischen einen Großteil des Gesundheitssystem überzogen hat und auch in Wuppertal sehr aktiv ist, betreibt die Rehaklinik Schönhagen an der Ostsee, da bekomme ich einen Platz. Gut, denke ich, Meer ist auf jeden Fall gut.

Nach wenigen Tagen in Schönhagen bin ich fassungslos über die schlechte Nahrung und die dürftigen Therapien, die uns hier angeboten werden. Das Essen kommt schockgefroren und wird aufgetaut, es gibt nur künstliche Soßen, aufgetautes Gemüse ohne jeglichen Geschmack, Obst überwiegend aus Dosen in minderwertigster Qualität. Ich erinnere mich an das Gericht Chinesische Gemüsepfanne, das aussieht wie Dosenfutter für Hunde. Einmal schwimmt in einem Bottich eine hellgelbe Brühe mit kleinen gelben Stückchen darin, das soll Ananas sein, klärt mich meine Tischnachbarin auf. Dann ist die Brühe dick, sämig und quietschorange: Mandarinen. Manchmal kleine harte Äpfel und ebensolche Kiwis, nichts davon ist wirklich essbar. Eine Beschwerde bei der Diätassistentin, die dreimal in der Woche Vorträge über gesunde Ernährung anbietet, hat einen Tränenausbruch von ihr zur Folge und führt dazu, dass ich zum Salat nun eine halbe Zitrone bekomme, um die künstliche Soße, von der ich Magenschmerzen bekomme, nicht mehr essen zu müssen. Sonst ändert sich nichts, drei Wochen lang. Immer die gleichen Brotsorten, immer die gleichen Stapel an Käse und Aufschnitt, immer die gleichen vorgefertigten Salate, die trocken in der Schüssel liegen oder direkt im Eimer aufgefahren werden. Am Strand der türkisen Ostsee – sie ist wirklich schön und entschädigt für manches – gibt es eine Bude, an der man frischen Obstsalat bekommt. Hier schlage ich mir nachmittags heißhungrig auf Frisches den Bauch voll. Nach dem Abendessen sehe ich, wie die Damen aus dem Service große Mengen von Käsescheiben und Aufschnitt in den Schweineeimer werfen. Auf meine entsetzte Frage, was das denn soll, erklären sie mürrisch, das sei so Vorschrift, das müsse aus Hygienegründen sein. Meine Nachfrage, warum man dann so viel auf die Platten packe, tut man mit der Bemerkung ab, das wollten die Leute so, sie wollten nicht von halbleeren Platten essen. Seit dieser Intervention gucken mich die Servicefrauen böse an, ich bin eine Quertreiberin, die sich nicht anpasst. Was für eine Philosophie, was für eine verachtende Haltung den Nahrungsmitteln aber auch den Menschen gegenüber, die auf diese Verpflegung angewiesen sind.

Der Gerechtigkeit halber muss ich sagen: Zweimal in der Woche Yoga, das schön und entspannend ist, dreimal insgesamt Kunsttherapie, in der ich meine Situation reflektieren kann und das Gefühl habe, verstanden zu werden. Die Ergotherapie dieser Einrichtung besteht darin, drei- bis viermal in der Woche eine halbe Stunde wahlweise Raps, Erbsen oder Bohnen mit den Händen zu kneten, um die Sensibilitätsstörungen durch die Chemo zu verbessern. Ich bin froh, nach Hause zu können, in diese Institution möchte ich nie mehr zurückkehren.

Zuhause genieße ich es, mir frische Sachen zu kochen und endlich wieder essen zu können, worauf ich Lust habe. Langsam kehrt wieder Normalität ein und ich brauche eine Weile, bis ich das wirklich glauben kann. Die Erschöpfung dauert noch ein gutes Jahr, dann habe ich das Gefühl, endlich „durch“ zu sein.

Immer wieder, auch heute nach drei Jahren, horche in mich hinein, was der Krebs mit mir gemacht hat. Wenn mich jemand fragt, wie ich es durchgehalten habe, fällt mir nur die Antwort ein, dass ich irgendwie darunter weggetaucht bin. So richtig ist die Erkenntnis  ICH HABE KREBS nie bei mir angekommen. Freundinnen fragen, ob ich nicht entsetzliche Angst hatte. Das muss ich verneinen, ich hatte diese Angst nicht, der Kokon hat mich geschützt.

Jetzt, nach fast drei Jahren, habe ich das Gefühl, dass das Kapitel abgeschlossen ist. Aber ich will nicht zu siegesgewiss sein. Ich höre aus dem Bekanntenkreis, dass es Rezidive gibt, und will mir nicht vorstellen, dass sie auch mich treffen könnten. Alles offen, so ist mein Lebensgefühl seit dem Krebs. Vor den Kontrollen, die jetzt in größerem Abstand stattfinden, ist mir trotzdem mulmig. Ende der Woche ist es wieder so weit.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.