Scarlett

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Scarlett hieß eigentlich Charlotte, ein Name, den meine Tante Gerda vornehm und gediegen fand. Eine Charlotte, sagte sie, wird ernst genommen, man traut ihr Weltläufigkeit und eine gute Kinderstube zu. Nicht sowas Kleinbürgerliches wie Monika oder Gisela, Namen, die unsere Mutti für den kleinen Bastard vorschlug. Charlotte, kommentierte Mutti spitzmündig, du lieber Himmel, da hätte Gerda ja gleich noch ein ‘von’ davorsetzen können, Charlotte von und zu Klugscheisser.
Charlotte wollte aber nicht sie selbst, sondern Scarlett sein, das sei ihr wirklicher Name, hatte sie uns jüngeren Cousinen eingebläut. Und sie ähnelte der Herrin von Tara in der Tat. Die grünen Augen, die weiße Alabasterhaut, auch das schwarze Haar, das sich allerdings nicht zu lieblichen, weich über die Schulter fallenden und im Südwind wehenden Scarlett-Locken aufdrehen ließ, sondern als steifer Pferdeschwanz von Charlottes Kopf abstand. 
Wie die meisten ihrer Eigenschaften hatte Scarlett auch dieses Haar von ihrem Vater, der bei uns niemals anders als „der Kerl“ genannt wurde. „Der hat Gerda ausgenutzt, damals, als alles drunter und drüber ging,“ sagte Mutti. „Der hat sich im Lazarett von dem verliebten Huhn schön gesundpflegen lassen, und ihr Geschichten erzählt, die Münchhausen alle Ehre gemacht hätten. Was hergemacht hat er ja, amputiert oder nicht. Das war damals ganz egal wir wussten ja gar nicht mehr, wie gesunde Männer aussehen.“
Wie gut, setzte sie jedes Mal vor Zufriedenheit glänzend hinzu, dass ihr Franz – unser Vater – unversehrt zurückgekommen sei und wieder das Regiment übernommen habe, Herr im Haus könne schließlich nur einer sein. 
Der Kerl hatte nämlich angefangen, sich einiges herauszunehmen, als Gerda schwanger war. Wollte das gute Silber auf dem Schwarzmarkt für Zigaretten verscherbeln, dabei war er der einzige in der Familie, der rauchte. Außerdem schwänzelte er, sobald er mit seiner Prothese wieder laufen konnte, in der Nachbarschaft herum, bei der Beckerschen und der Müllerschen, die für amerikanische Nylonstrümpfe und Schokoladentafeln zu allem fähig waren, „wirklich zu allem,“ tremolierte Mutti. 
Gerda verschloss so lange hartnäckig die Augen vor diesen Tatsachen, bis die Müllersche – Gerda war im achten Monat und hatte ein geschwollenes Gesicht sowie Ödeme an den Beinen – ihr auf der Straße lauthals ins Gesicht lachte, dreist und frech, mit hohen Absätzen und schwarzen Netzstrümpfen. 
Scarletts Vater verschwand noch vor ihrer Geburt in den Nachkriegswirren und hinterließ als einzige Spur das kleine Mädchen, das nicht nur sein Aussehen, sondern auch seinen Charakter geerbt hatte. „Außen wie innen, verdorben und raffiniert, ein Egoist, der über Leichen ging“, war Muttis Credo. 
„Aber schnieke,“ flüsterte Gerda, wenn Mutti nicht in der Nähe war, „der hatte Rasse, ein Typ wie Rhett Butler.“ Später, als wir in der Pubertät waren und Gerda davon ausgehen konnte, dass wir wussten, was Sache war, grinste sie nach dem dritten Cognac, das sei ja wohl die Frage, was besser sei, das ganze Leben einen Langweiler im Bett zu haben oder einmal den Volltreffer. 
„Es ist nicht alles Gold, was glänzt, Kinder, so eine Ehe hat auch ihre Schattenseiten.“ 
Jeden Sonntagnachmittag war unser Wohnzimmer vollgestopft mit uns, Tante Gerda und den Großeltern. Scarlett war nicht immer dabei, aber an dem bewussten Sonntag hockte sie auf dem Sofa mit in Szene gesetztem Dekolleté und erinnerte an die Frauen auf alten italienischen Gemälden. Hochgeschobene Brustansätze schimmerten in einem tiefen U-Bootausschnitt unter Scarletts zarter Kehle, über die man in der Phantasie mühelos haarige Rhett-Butler-Lippen wandern sehen konnte. Dicke, gerade Ponyfransen fielen über schräge Scarlettaugen und ein grüner Hexenblick traf Vati so jäh, dass seine Männlichkeit aufglänzte und zu einem stattlichen Hahnenkamm anschwoll. 
Gerda glänzte auch, von Stolz erfüllt, weil Scarlett die Luft zum Prickeln brachte. Mutti stand unter Hitzewellen und beobachtete erschöpft das Luder, wie sie Scarlett nannte, wenn Gerda es nicht hörte. Vati wurde launig und entkorkte Kröver‘s Nacktarsch. Wir sollten in den Garten gehen, weigerten uns aber, weil es jetzt erst richtig interessant wurde. Gerda war noch nicht so weit mit den Hitzewellen und der damit verbundenen Unverträglichkeit von Alkohol, und es dauerte zwei Gläser, bis ihr der Rocksaum über die Oberschenkel und die rosa Unterrockspitze rutschte und sie fidel und in der Lautstärke eines Nilpferdes trompetete: „Fränzchen, das Leben ist doch herrlich. Man muss es genießen, solange es da ist, oder?“ 
Wie an allen Sonntagen sprang sie auch an diesem gegen fünf auf und übernahm das Regiment in der Küche. „Bleib du bei Oma und deinem Franzemann“, flötete sie Mutti zu, „die Mädchen helfen mir, kalte Platte ist doch meine Spezialität.“ Kalte Platte und Kartoffelsalat mit viel Mayonnaise, wie Vati es mochte.
Scarlett blieb ebenfalls sitzen und zog ihren engen schwarzen Rock über makellosen, hellbestrumpften, in spitzhackigen Pumps steckenden Beinen glatt. Sie half nie in der Küche und ließ die auffordernden Blicke Tante Gerdas an ihren Gletscheraugen abprallen, grün wie jungfräuliches Eis. 
Meine Schwester und ich schnitten Eier in Scheiben, drückten Mayonnaisestippeln auf Tomatenhälften, um sie in Fliegenpilzhütchen zu verwandeln, wuschen krause Petersilie und pflanzten sie in hellgelbe Kartoffelsalatberge. Gerda schnitt den gebratenen Kassler in dünne Scheiben, die sie zu Rollen drapiert um den Kartoffelsalat legte, und kippte zwischendurch Cognacs. 
Währenddessen braute es sich im Wohnzimmer zusammen. Ermuntert von den Scherzen des blitzenden und immer mehr anschwellenden Vaters, durch dessen Adern bereits die zweite Flasche Kröver‘s Nacktarsch rann, räkelte Scarlett sich in der Sofaecke und gab die zarte Kehle und den strammgezogenen U-Bootausschnitt preis, während er sich dröhnend über seine Lieblingsthemen, die korrupte Politik und den allgemeinen Sittenverfall, ausließ. 
„Wir lassen uns nicht provozieren, vom Russen nicht und erst recht nicht vom Ami. Die mit ihren nackten Weibern da, sowas brauchen wir hier nicht,“ donnerte er.
Scarletts Reaktion ist durch Mutti und Oma vielfach überliefert. Demzufolge schraubte die Cousine sich langsam aus dem Sofa hoch und präsentierte mit leicht auseinander gestellten Beinen noch einmal alles, was sie zu bieten hatte. Dann öffneten sich ihre feuchten Lippen und sprachen mit kehliger, heller, ein wenig scharfer Stimme den Satz: „Hingucken tuste aber doch ganz gern, was, Onkel Fränzchen?“ Sie ging hinternwackelnd zur Tür, ordinär, wie Mutti eiferte, das Luder, das verdorbene Stück. Unter der Tür drehte Scarlett sich noch einmal um und sagte mit makellosen Perlmuttlippen das ganz und gar Unsägliche und Skandalöse, das nur als genetisches Vermächtnis von dem Kerl stammen konnte, weil in unserer Familie niemand dazu fähig gewesen wäre: „Ich geh’ jetzt Pipi machen, willste mit, Onkel Fränzchen?“ 
Mit diesem Satz, den Mutti nur stockend herausbrachte und auf dessen Wortlaut sie tausend Eide schwor, entschwand Scarlett unserem Horizont, um fortan ihr Spiel auf den Brettern der großen weiten Welt fortzusetzen. Davon berichtete uns Gerda in geraunten Andeutungen sonntags in der Küche, wenn unter ihren kunstvollen Händen die kalten Platten erblühten. 
Mein Lottchen, wie Scarlett von Tante Gerda genannt wurde, absolvierte trotz notorischer Prüfungsangst die Modefachschule und stieg zur Direktrice auf. 
„Sehr tüchtig, der Chef hält große Stücke auf sie,“ traute sich Gerda einige Jahre, nachdem es passiert war, auch in Gegenwart von Mutti zu bemerken, die allerdings den Mund zusammenkniff und so tat, als habe sie nichts gehört. 
Und dann ging Scarlett nach Afrika, genauer nach Kenia, wo sie im Auftrag ihrer Firma eine kleine Textilfabrik aufbauen sollte. Gerda berichtete es stolzgeschwellt und ganz offiziell am Kaffeetisch, als Vati auf dem Klo war. Scarlett habe einen leitenden Posten, bewohne, wie es ihr zustehe, einen eigenen Bungalow mit schwarzen Bediensteten und trinke ihren Whisky nur on the rocks. 
Und dann, Gerda platzte fast, als sie es kurze Zeit später in der Küche berichtete, war ein Mann in Scarletts Leben getreten, der Mann, ein Bild von einem Mann, ein gutaussehender Ägypter, mit dem es, kaum hatte er in Scarletts Firma als technischer Manager angefangen, gefunkt hatte. Die große Leidenschaft war ausgebrochen, und Gerda schwebte gleich mit auf Wolke sieben.
„Er ist die Erfüllung für sie,“ vertraute sie uns in der Lautstärke an, in der Mutti es auf jeden Fall hören musste, „schon nach vier Wochen hat er ihr einen Heiratsantrag gemacht.“
Scarlett ließ sich Abendkleider machen, schulterfrei und aus afrikanischer Wildseide, an ihrer Hand funkelte ein diamantener Verlobungsring. „Nur das Beste vom Besten,“ flüsterte Gerda andächtig, „da besteht er drauf. Sie soll die Schönste sein, wenn er sie in Mombasa auf den Ball führt.“ 
Mombasa, das Wort rollte nur so von Gerdas Zunge. Wir sahen Scarlett im Schatten ihrer weiten, offenen Veranda sitzen und auf den schönen Ägypter warten, sahen harte, helle Scarlett-Augen nachgiebig und weich werden wie Vanillepudding, sahen Alabasterhaut und milchkaffeefarbene Ägypterhaut sich unter wehenden Moskitonetzen vereinen und in feuchter Lust verströmen, hörten Seufzer in der afrikanischen Nacht verwehen. 
Einmal flog Gerda hin, in hellem Tropenkostüm mit passendem Hütchen und dem guten Lederkoffer von Mutti, den sie heimlich mitnehmen musste, weil Vati nichts davon erfahren durfte. Gerda sei in Kur, hieß es offiziell. In Wirklichkeit wussten wir sie auf Scarletts Veranda, wo sie sich von den Schwarzen mit Palmenwedeln Luft zufächeln und Bloody Marys servieren ließ, denn den Whiskey on the rocks, den Scarlett trank, vertrug sie nicht. Die Fotos davon kursierten später bei uns unter der Hand und legten auch Zeugnis von Scarletts Abendkleidern, dem Diamantring und der tatsächlichen Existenz des Ägypters ab, den wir etwas dicklich und sehr fremd fanden. Gerda nannte ihn, seitdem sie zurück war, nur noch vertraut Karim, wobei sie die zweite Silbe betonte. „Eine Seele von Mensch,“ strahlte sie, „immer höflich, nachher konnte er sogar Schwiegermama auf Deutsch sagen.“
Dann verstummten Gerdas Berichte aus Afrika und irgendwann hörten wir von Scarletts Rückkehr nach Deutschland, ihre Firma hatte pleite gemacht. Von Karim war nicht mehr die Rede. Nur einmal noch flüsterte Gerda, das Lottchen habe ihm eine Karte nach Afrika geschickt mit einem Fragezeichen drauf, zurückgekommen sei nur ein Ausrufungszeichen, sonst nichts. 
Der Kerl –damit meinte sie Karim – hat ihr den Hals gebrochen, sagte Gerda später, als alle wussten, dass Scarlett nicht mehr arbeitsfähig und so dick geworden war, dass sie in kein Abendkleid mehr passte. Außerdem munkelte man, sie trinke den Whiskey nur noch pur und auch sonst alles, was ihr in die Quere komme. „Na ja,“ seufzte Mutti bei diesem Thema und ein Lächeln umspielte ihren Mund, „wenn man hoch hinaus will, fällt man umso tiefer. Wie gut, dass unserein immer die Kirche im Dorf gelassen hat, nicht Franz?“