Vatis Prinzessin

Vatis Prinzessin

Aus dem schwarzweißen Foto mit gezackten Rändern schaut ein verzagtes rundes Gesicht, ein trauriges kleines Ding mit kurz geschnittenem Schopf, der seitlich über der Stirn mit einem Gummi zu einem Pinsel zusammengebunden ist. Das Kind schaut über die Kante des Tisches, auf der eine Decke aus grobem Leinen mit einer kleineren, weißen Schutzdecke liegt. Mutti hat sie durch Hoffmanns milchige Wäschestärke gezogen und gebügelt, bis sie blauweiß schimmerte. Der Geruch ist frisch und heimelig, unverwechselbar. Flecken sind das Schlimmste. Wenn man welche macht, wird Mutti ärgerlich und man ist ein ungezogenes Kind. Ungezogen ist man auch, wenn man sich über die kratzigen, braunen, an den Knien gestopften Strümpfe beschwert, über die Unterhose, die immer verrutscht, und das Leibchen mit den Gummistrippen, an dem die Strümpfe mit weißen Wäscheknöpfen befestigt werden. Wenn es kalt wird, muss man die rosa Wollschlüpfer darüberziehen, die auch überall gestopft sind und kratzen und um die man einen Gürtel schnallen muss, damit sie nicht in den Kniekehlen hängen. Sehr ungezogen ist man, wenn man sich über die weiche Haut darunter streichen möchte, überhaupt wissen möchte, was sich unter den Leibchen und den Unterhosen verbirgt. Es gibt dort keinen Körperteil, für den man sich interessieren darf, das ist, wenn man in der Badewanne sitzt, an Muttis strafendem Blick abzulesen und am Getue der großen Schwestern. Sie dürfen als erste in die Wanne und hantieren aufgeregt mit den Waschlappen, um alles zu bedecken. Wenn das Kind endlich als letztes in das lauwarme Bad gehoben wird, in das Mutti heißes Wasser aus dem Kessel nachlaufen lässt, ist es schon zu trübe, um noch etwas sehen zu können. Manchmal fasst es ganz schnell hin, wenn niemand guckt, und weiß nicht, was es da fühlt.

Ungezogen ist man auch, wenn man die ewige Schnippelbohnensuppe mit den ausgekochten Knochen und Fleischfasern nicht mehr zu Mittag will, sie schmecken salzig und kommen einem zu den Ohren heraus. Das unendliche Heer der Gläser im Keller mit eingemachten grünen Bohnen, die Mutti im Sommer von den Stangen im Garten gepflückt und eingeweckt hat. Die Knochen, an denen Fleisch und Fett hängt, sind Vati vorbehalten. Er schabt sie beim Abendbrot mit einem alten Küchenmesser ab, Hände und Mund triefen von Fett und Knorpelstückchen. Das Kind muss aufpassen, dass es nicht von den herumspritzenden Knochensplittern getroffen wird. Das ist der Preis dafür, dass es am Abendbrottisch neben Vati sitzen und ihn anlächeln darf. Mutti ist froh, weil es seine Laune hebt, die Schwestern sind neidisch, weil sie schon zu groß sind, um Vatis Prinzessinnen zu sein.

Das Schlimmste sind die Mahlzeiten, zu denen es Rotkohl oder Salat gibt. Das Kind ekelt sich vor dem Essiggeruch, es muss würgen, aber das interessiert niemanden. Im Gegenteil, die Schüsseln werden ihm immer genau vor die Nase gesetzt. Christel soll sich nicht so anstellen. Das Kind weiß, dass es einen anderen, schöneren Namen hat, den niemand nennt. Manchmal flüstert es ihn heimlich unter der Bettdecke.

Wenn Vati nach Hause kommt, weiß das Kind sofort, ob er gute oder schlechte Laune hat. Meistens ist sie schlecht. Brecher aus Wut schwappen aus seiner Richtung, unter die das Kind sich ducken muss. Es macht sich dünn, sucht schnell den Stiefelknecht, und stellt sich rückwärts vor Vati, um ihm den Stiefel vom Bein zu ziehen. Manchmal bessert sich seine Laune, wenn er dem Kind einen kleinen Tritt gegeben hat und es durch die Küche fliegt, dann nimmt er es hinterher auf die Knie und es darf an seinen stiefellosen Beinen hinunterrutschen. Anschließend liest er die Zeitung und das Kind muss, wenn es in seiner Nähe bleiben möchte, vermeiden, die Klötzchen, Schafe und Schweine aus der Spielkiste zu verschieben und ihnen halblaute Befehle zu geben. Es darf allenfalls stumm malen, ohne zu sehr mit dem Stift zu kratzen. Wenn das Kind lieb ist, ebben Vatis Wutwellen ab, dafür explodiert es manchmal ganz rot im Kopf des Kindes, dann möchte es gegen die Stiefel treten, gegen Vati, alles kurz und klein treten, Johannisbeersaft über Muttis frischgebügelte Bettlaken schütten, in das rasende Rad der Nähmaschine fassen, durch die Mutti den ganzen Nachmittag lang weiße Schürzenbänder oder bunte Kleidersäume schiebt. Es möchte tot sein, damit Mutti und Vati und die Schwestern es vermissen und um es weinen. Kind, pass doch auf, das gibt Hackfleisch. Das Kind sieht blutende Armsiümpfe und denkt an das Lied, das die Schwestern auf dem Flur grölen, wenn Mutti und Vati im Kino sind und die Großen die Kleine in das fensterlose Badezimmer gesperrt haben: Hinaus in die Ferne mit Butterbrot und Speck, das ess’ ich so gerne, das nimmt mir keiner weg. Und wer das tut, den hau ich auf den Hut, den hau ich auf die Näse bis dass es blut.

In der Ferne ist einer, der Elvis Presley heißt, die Augen der großen Schwester glimmen, wenn sie von ihm spricht. Vatis Wutsuppe schwappt. Negergeschrei, Gelumpe, Gesox, alle nicht richtig, der Ami, der Untergang des Abendlandes.

Das Kind weiß zu dieser Zeit noch nicht, dass der Untergang des Abendlandes gerade stattgefunden hat, nur wenige Jahre vor seiner Geburt.

Die Schwester lächelt seltsam und flüstert beim Abwaschen, Elvis komme nach Deutschland, in der Schule hätten sie es gesagt. Dann spuckt sie etwas vor sich hin, das sich anhört wie: sampiepeleikserock und stampft heftig mit den Beinen. Die Kleine versucht es auch, bis Mutti kommt und sie nur noch kichern können. Mutti hört denn ganzen Tag Radio, Opern, Operetten und Schlagersendungen. Bei ‚Pack die Badehose ein’ oder ‚Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt’ singen alle mit, wenn Vati nicht da ist. Wenn er da ist, wird nur bei guter Laune gesungen. Mutti ist den ganzen Tag damit beschäftigt, die Öfen zu heizen, die Betten zu machen, die Wäsche im Waschkessel auszukochen, Essen vorzubereiten oder wegzuräumen, zu bügeln, mit dem Staubsauger zu saugen, den Vati auf Abzahlung gekauft hat, die Fenster zu putzen, die Gardinen abzunehmen, zu waschen, mit Hoffmanns Wäschestärke zu behandeln, zu bügeln und wieder aufzuhängen, das gute Silber zu putzen, die Alpenveilchen und Topfazaleen zu gießen und zu pflegen, die Gartenwege zu fegen, zu ernten, Bohnen und Apfelmus einzumachen, auf der Straße Pferdeäpfel einzusammeln und sie unter ihre Rosenbüsche zu graben. Auf Vati zu warten und das Essen warm zu halten, ihm seine Flasche Bier auf die richtige Trinktemperatur zu bringen, Zeitung und Wärmflasche bereitzulegen, Sesselkissen aufzuschütteln.

Zum Glück hat Vati keine Prothese, wie sie es bei dem Vati der Freundin Inge gesehen hat, ein roher Stummel statt eines Beines, an den ein seltsamer Apparat mit einem klobigen Schuh gebunden wird. Sobald Inges Vati zu Hause ist, schnallt Inges Mutti ihm den Apparat ab und reibt den Stummel mit einer Salbe ein. Inge kneift die Augen zu und quietscht vor Ekel. Aber Vati war im Krieg, davon hat das Kind schon oft gehört, in Norwegen, wo die Natur so wunderbar war und er Lachse angeln konnte. Wenn er davon erzählt, ist seine Laune immer gut. Nur der Engländer war schlimm, da wurde Vati auf einem Schiff eingesperrt. Aber er hat bei allem noch Glück gehabt, keine Ostfront, keine Russen. Mutti flüstert, wenn sie vom Grauen des Krieges spricht und die großen Schwestern nicken stumm, sie erinnern sich, wie sie nachts in den Keller mussten.

Sonntags kommen Tante Emmy und Angelika zum Mittagessen und bleiben bis abends. Keinen abgekriegt, grinst Vati, wenn Tante Emmy auf dem Klo ist. Angelika guckt sowieso immer nur aus dem Fenster und wippt mit den Beinen. Den Braten in die Röhre und dann juppheidi, die leichtgläubige Emmy. Angelika ist der Braten, flüstert die große Schwester schadenfroh, die Angelika hat sie reingeschoben gekriegt. Das Kind weiß nicht, was mit reingeschoben gemeint ist, aber dem Ton nach muss es sehr ungezogen sein.

Bei der Vorbereitung des Sonntagsabendbrotes darf das Kind Mayonnaisestippeln auf die rotglänzenden Tomatenhälften drücken, die Tante Emmy ausgehöhlt und auf die aufrechtstehenden hartgekochten Eier gesetzt hat, lauter Fliegenpilze. Die Tante wäscht Petersilie und pflanzt grüne Büsche in die hellgelben Kartoffelsalatberge, die Mutti morgens vorbereitet hat. Dann schneidet sie den rosa Kasslerbraten in gleichmässige Scheiben und legt ihn um den Kartoffelsalat. Stolz betrachtet Tante Emmy die bunte Landschaft und zwinkert der großen Schwester zu, die schon weiß, dass Tante Emmy zur Belohnung ein Schnäpschen bekommt und gleich noch ein zweites. Das Kind kann sich die Cousine Angelika, die schon dreizehn ist, nur schwer als gebratenes Hähnchen vorstellen, denn sie ist eigentlich genau das Gegenteil. Ihre Haut ist schneeweiß, sie hat die schwarzen Haare straff zurück zu einem Pferdeschwanz gebunden und trägt einen rosa Lippenstift in der Tasche, den sie immer wieder benutzt, ohne auf Muttis und Tante Emmys strafende Blicke zu achten. Sie besitzt auch eine Puderdose, die sie manchmal vor dem Kind auf und zuklappt, und Parfum, nach dem sie zehn Meilen gegen den Wind stinkt, sagt Mutti. Das Kind mag den Geruch und ist gerne in Angelikas Nähe. Das Schlimmste ist, dass sich unter Angelikas immer enger werdenden Pullovern Busen abzeichnet, ein Wort, das zum Allerungezogensten gehört. Schamloses Luder, zischt Vati, wenn Tante Emmy und Angelika nach dem Abendbrot gegangen sind, denn Angelika hat sich in der Tür noch einmal herumgedreht, den Pullover über dem Busen strammgezogen und Vati aus grünen Augen einen schrägen Blick zugeworfen. Danach braucht er mehrere Schnäpse.

Angelika ist auch die erste, die einen Petticoat trägt. Er ist aus mehren Lagen Tüll, über und über mit weißrosa Spitzen bedeckt, und bauscht ihren wippenden Rock auf. Perlon, flüstern die Schwestern. Sie betteln und heulen in der Küche, wenn Vati nicht da ist, sie wollen auch einen Perlonpetticoat. Schließlich zerreißt Mutti alte Bettbezüge und jagt die Streifen zusammen mit den von Oma geerbten Baumwollspitzen durch die Nähmaschine. Sie näht mehrere Lagen übereinander, zieht Gummibänder ein und steckt alles in Hoffmanns Wäschestärke extra. Die Schwestern bügeln akribisch jede Falte und jede Spitze, der Stärkegeruch durchdringt das ganze Haus. In den bauschigen Wundern verwandeln sie sich in Prinzessinnen, die kaum noch in die Küche passen, probieren Tanzschritte aus, spucken Sampiepelleikserock. Das Kind übt im Flur mit dem neuen Hoola-Hoop-Reifen, es möchte ein Schlangenmensch werden mit wackelndem Po, wie in der Bravo, die die Schwestern heimlich lesen. Noch viel lieber möchte es aber auch so eine Petticoatprinzessin sein. Nur kann es dann ganz bestimmt nicht mehr Vatis Prinzessin sein. Es ist sowieso mühsam mit ihm, seine Stiefelknecht-Tritte werden heftiger, seine Laune ist schwarz und böse. Ganz schlimm ist es, wenn er die Zeitung liest. Ein seltsames neues Wort ist aufgetaucht: Auschwitz. Lügenmärchen vom Ami, von dem ganzen Gesocks. Fotos von eingefallenen Schattenmenschen mit toten Augen, Berge von Knochen, Brillen, Schuhen, weißen Menschenkörpern mit hervorstehenden Rippen. Vatis Wut ist Lava. Mutti verschließt das Gesicht und nimmt dem Kind die Zeitungen weg. Die Schwestern spucken nicht mehr, nur noch manchmal ganz leise, wenn Vati nicht in der Nähe ist.