Am Nedderend

50er Jahre
Himmel und Hölle
Hinkepinke
Nedderend
Oldenburg
Weihnachten 1954

Am Nedderend

 

Es ist die frühe Zeit, ich spiele mit Inge, immer und am liebsten mit Inge. Sie ist ruhig und hat eine warme braune Haut, ihre Augen haben die Farbe von Muttis Bernsteinkette. Und sie hat mich lieb, sie freut sich, wenn wir uns sehen, ich auch. Unsere Spiele reihen sich aneinander, ein vertrautes, lustiges, spannendes Werkeln: Kuchen backen, Puppenkleider nähen, Blumensträuße pflücken, einen Verkaufsstand aus alten Kisten bauen. Unsere fleißigen Hände und Arme, unsere geschickten Finger, unsere springenden Beinchen: Hinkepinke auf dem grauen Asphaltbelag des Nedderends. Es gibt keine Bürgersteige, nur einen plattgetretenen Weg und Gräben vor den Häusern, die wir überspringen, manchmal fallen wir auch hinein. Mit Kreide oder einem weichen Stein malen wir Kästchen für Himmel und Hölle. Es gibt Spielvarianten, manchmal muss man mit dem Fuß ein Steinchen nach vorne in das nächste Kästchen schubsen, oder mit einem kräftigen Schlusssprung aus dem Stand zwei Kästchen überspringen und auf beiden Füßen landen. Manchmal fliegt man hin und ein Knie ist aufgeschürft, das piert sagen wir Oldenburger Kinder. Hinfliegen tut man auch beim Fahrradfahren oder beim Rollschuhlaufen. Meistens geht es gut, wenn nicht, heult man ein bisschen, in schlimmen Fällen gibt es von Mutti in der Küche ein Pflaster. Aber das Beste ist, wenn Luft dran kommt, sagt Mutti, und das stimmt. Am nächsten Tag ist das Blut und das gelbe, nässende Zeug auf der Wunde zu einer Kruste getrocknet, die von eifrigen Fingern wieder abgepult wird. Darunter glänzt rosa die nur halb verheilte Haut.

Weitere Freunde sind Günter und  Werner Niermann, die auf unserem Nachbargrundstück wohnen. Opa Niermann hegt und pflegt, wie wir, einen Hühnerstall im Garten. Ein weißes Huhn aus der Hühnerkolonie heißt Tüdi und gehört Werner. Tüdi folgt ihm auf Schritt und Tritt und flattert ihm auf den Arm, wenn er pfeift. Wenn er etwas zu Tüdi sagt, antwortet sie gackernd. Die Mutti der Niermann-Kinder ist komisch, sagt meine Mutti. Sie muss oft liegen und schwächelt, aber sie ist lieb und hat immer Zeit, freundlich mit uns zu sprechen. Die Niermann’sche wieder, sagt Mutti beim Mittagessen, rannte heute um elf noch im Nachthemd herum.

Der Nedderend ist Schauplatz einiger Dramen. So kommt an manchen Nachmittagen aus Richtung der Kneipe am Rauherhorst ein Besoffener angewankt. Er torkelt über die Straße und fällt immer wieder hin, manchmal brüllt er. Wir verstecken uns hinter unserer Hecke und läuern vorsichtig, wenn er in Sicht kommt, wir schütteln und gruseln uns vor ihm. Manchmal bleibt er im Gebüsch einfach liegen. Eine Mutprobe ist es, wenn eine in seine Nähe läuft und  wilde Faxen macht. So ein Besoffener ist schrecklich, furchteinflößend, es ist nicht normal, wie er sich verhält.

Heute denke ich, was der wohl im Krieg erlebt hat, vielleicht musste er deshalb zur Flasche greifen. Dass es einen Krieg gab, der noch nicht lange vorbei ist, wissen wir. Oft rollen auf der Umgehungsstraße vor unserem Haus oben auf der Böschung, die entlang des Nedderends verläuft, Kolonnen von Panzern oder grünen Militärfahrzeugen. Das ist der Engländer, so viel weiß ich, die Besatzung. Ein Stück von uns entfernt – ich sehe es, wenn ich bei Vati im Auto mitfahren darf – gibt es Kasernen, wo die Engländer leben. Sie hängen ihre Wäsche auf die Freiflächen zwischen den Wohnblocks, es liegt eine Menge Zeug unordentlich herum. Die sind nicht so sauber wie wir Deutschen, das weiß ich längst aus vielen Kommentaren.

Wir wohnen am kurzen Ende des Nedderends, das ist eine Sackgasse, die von der Bahnlinie begrenzt wird. In meiner frühen Kindheit gibt es da noch Schranken und einen Schrankenwärter, der sie hoch- und runter drehte. Dann wird eine Unterführung gebaut, die das kurze Ende des Nedderends jetzt mit dem langen verbindet. Die Züge kommen durch einen Tunnel unter der Umgehungsstraße angefahren, an der Bahnlinie entlang verläuft ein schmaler Fußweg. Es gibt noch die Dampflokomotiven, und es ist unsere stärkste Mutprobe, in den Tunnel zu gehen und das Durchrasen des fauchenden, schnaubenden, dampfenden, funkensprühenden Ungeheuers in unmittelbarer Nähe auszuhalten. Das ist jedesmal wie ein kleiner Tod.

Manchmal gibt es am Nedderend auch Blut. Von den Hühnern aus unserem Stall schlachtet Opa immer mal wieder eins für den Sonntagsbraten oder Suppe und Frikassee. Im Schuppen neben dem Hühnerstall gibt es einen Hackklotz, auf dem Holz klein gemacht wird, außerdem ist er die Schlachtbank für die Hühner. Ein dunkler Fleck Hühnerblut ist in das Holz des Hackklotzes hineingesickert. Opa hält den Hals des Huhns, dessen letztes Stündlein geschlagen hat, mit der einen Hand auf dem Hackklotz fest und schwingt mit der anderen die Axt. Ich sehe es mir nur einmal an und renne schnell rein, es verfolgt mich noch lange. Wir sehen vom Küchenfenster aus zu, wie das Huhn ohne Kopf, nur mit blutigem Hals, über den Rasen torkelt, bevor es zusammenbricht.

Von der Umgehungsstraße, die, damals noch zweispurig, oberhalb des Nedderend verläuft, hört man die Autos vorbeisausen. Die Umgehungsstraße wird vom Rauherhorst gekreuzt, der Straße, in der Inge wohnt. Es gibt immer mehr Verkehr, aber keine Ampel an der Kreuzung, deshalb passieren immer wieder schwere Unfälle. Einmal höre ich beim Spielen auf der Straße, wie es ganz kräftig rummst, man hört mehrere dumpfe Schläge, ein Scheppern, etwas fliegt durch die Luft. Es sind sofort viele Leute oben an der Umgehungsstraße. Ich klettere auch die Böschung hinauf. Ein Auto mit dicken Beulen steht quer auf der Fahrbahn, am Rand liegt ein zerschreddertes Motorrad, daneben der Fahrer in einer dicken Ledermontur. Unter seiner Jacke sickert eine Lache aus dickem dunkelrotem Blut hervor, die immer größer wird. Der Mann ist bleich, er richtet sich halb auf und zeigt auf seine Beine. Die sind ab, sagt er. Bevor Polizei und Krankenwagen kommen, holt meine Mutter mich von der Unfallstelle weg. Ich höre später, dass der Mann gestorben ist. Die Blutlache werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Die Umgehungsstraße spielt auch eine Rolle bei einem aufregenden Heiligabend. Wir waren schon in der Kirche und sind jetzt alle um den Baum versammelt, der mit Lametta, Kugeln und echten Bienenwachskerzen geschmückt ist. Wir haben Bescherung gemacht, der Kartoffelsalat und die Würstchen, die es traditionell gibt, stehen auf dem Tisch. Da gibt es draußen auf dem Nedderend Aufruhr. Meine große Schwester läuft hinaus und kommt aufgeregt wieder zurück: Ein Laster mit englischen Soldaten ist die Böschung hinuntergestürzt und liegt auf der Seite. Die Polizei kommt, zum Glück ist keinem der Männer was passiert. Und das am Heiligabend! Meine Mutter nimmt einen der weihnachtlichen Pappteller mit Lebkuchen, Schokoladenkugeln und selbstgebackenen Keksen, die auf dem Tisch stehen, und drückt ihn meiner großen Schwester in die Hand – für die Soldaten. Aufgeregt läuft sie zu der Unfallstelle, bleibt eine Weile fort – und kommt erhoben und mit glänzenden Augen zurück, so sehr haben die jungen Männer dem german Fraulein geschmeichelt, das für sie  Christkind gespielt hat.

 

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