Bei Bruns

Bauernhochzeit
Bauernhof
Friesoythe
Südoldenburg

Bei Bruns

Mein Vater kam bei seiner beruflichen Tätigkeit im ganzen Oldenburger Land herum. Er führte auf Bauernhöfen landwirtschaftliche Versuche mit Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmitteln durch. Viele dieser Bauernfamilien kannte er seit Jahren und es gehörte zu seiner Arbeit, mit den Bauern Fachgespräche zu führen und, natürlich, zu schnacken, wi et so geit. Dass mein Vater, ein gebürtiger Schwabe, diese Gespräche in lupenreinem Oldenburger Platt führte, ist ein Beweis für seine Sprachbegabung. In den Schulferien durfte ich manchmal mit zu den Bauern, Familie Bruns in Friesoythe, Südoldenburg, ist mir besonders in Erinnerung geblieben.

Herr Bruns, dessen Vornamen ich nicht mehr weiß, hatte einen langen, pferdeartigen Kopf, auf dem büschelweise graurote Haare wuchsen, die meistens unter einem Käppi verschwunden waren. Er hatte etwas hervorstehende, sehr hellblaue, weiß bewimperte Augen. Zu seinem Pferdekopf passten, wenn er lachte, lange, hellbraunen Zähne, die nicht so aussahen, als würden sie regelmäßig geputzt. Frau Bruns erinnere ich als blasse Frau mit Madonnengesicht, grauer Schürze, grauem Kopftuch, Holzpantinen und langem Rock, dessen Saum auf dem Boden schlurfte.

Am Herd saß die Oma mit krummen, arthrotischen Beinen, mühselig humpelte sie mit einem Stock zum Mittagessen an den großen Tisch. Dort saßen bereits fünf, sechs Bruns-Kinder, einige mit den hell bewimperten Augen und den roten Haaren des Vaters, andere mit dem Madonnengesicht der Mutter. Sie sprachen Plattdeutsch, von dem ich nur wenig verstand, aber meistens waren sie stumm und schauten auf ihre Teller. Mit mir, dem Stadtkind, konnten sie nichts anfangen. Bei Bruns gab es Schweinebraten mit Fettrand und viel Soße, dazu wässrige Salzkartoffeln und Apfelmus.

Das Backsteinbauernhaus der Bruns betrat man durch eine große Diele, an deren beiden Seiten Kühe und Pferde angekettet waren und in ihren Trögen herumschnoberten. Manchmal hob eine den Schwanz und ließ einen Schwall braungrüner Kuhscheiße herauslaufen. Überall bei Bruns roch es nach dem Stall und der Kuhscheiße, auch ich roch danach, wenn wir eine Weile dort waren. Unter der Decke der Diele hingen Würste und Schinken zum Trocknen, die auch zum Geruch in dem Haus beitrugen.

Noch interessanter als der Besuch waren Geschichten über die Bruns, die mein Vater beim Abendbrot zuhause zwinkernd erzählte. Bruns waren strenge Katholiken, wie alle Südoldenburger, und Katholiken schnitten in meinem zwar liberalen, aber doch protestantisch-pietistisch geprägten Elternhaus nicht besonders gut ab. Sie gehorchten dem Papst und den Priestern, konnten sich ihrer Sünden einfach durch die Beichte entledigen und bekamen ein Kind nach dem anderen – bei Bruns ging es gerade um das neunte oder zehnte. Lachend zitierte mein Vater in diesem Zusammenhang einen Spruch von Frau Bruns: Gibt Gott ein Häschen, gibt er auch ein Gräschen. Ja, ja, irgendwo muss das Gräschen ja wohl herkommen, ereiferte sich meine Mutter, die machen es sich leicht mit ihrem Theater, Gebimmel und Weihrauchgeschwenke, als würde das jemanden sattmachen. Irgendwie ging es auch um die Väter der Bruns-Kinder. Den Andeutungen meines Vaters war zu entnehmen, dass manche vom Knecht waren, der mittags auch mit am Tisch saß und mit aufgestützen Armen sein Essen hineinschaufelte. Die blasse Frau Bruns, hatte sie es faustdick hinter den Ohren?

Ein anderes Mal war Hochzeit bei Bruns, die älteste Tochter heiratete den Sohn vom Nachbarbauern und wir waren auch eingeladen. Es gab Berge von Butterkuchen und Mettbrötchen, Kaffee, Bier und Schnaps. Kleine Pinchen standen auf den langen Tischen in der Diele, wurden immer wieder gefüllt und weggekippt, die Gesichter röteten sich und die Augen glänzten wie die toten Fische, die Vati vom Angeln mitbrachte. Die plattdeutschen Wortfetzen, die über den Tisch flogen, wurden immer verwaschener. Einen Tumult gab es, als die Braut entführt wurde. Ich erinnere nur noch ein schnapsseliges Getümmel und Gepolter, der Bräutigam und einige junge Männer brachen lärmend auf, um die Braut zurückzuholen.

Auf dem Rückweg passierte dann das, was mein Vater immer als Höhepunkt der Geschichten am Abendbrottisch aufbaute: Ein Bruder der Braut stellte sich an den gerade frisch aufgestellten Weidezaun, der unter Strom stand, um sich zu erleichtern. Sein Strahl traf auf den elektrisierten Zaun und setzte den jungen Bauernburschen unter Strom, er schrie jämmerlich, bis der Strahl versiegte und man ihn wegzog.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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