Jesus am Kreuz

50er Jahre
Auferstehungskirche
Kindergottesdienst
Konfirmandenunterricht

Jesus am Kreuz

In der Nähe des Nedderends stand und steht noch heute die Auferstehungskirche aus rotem Backstein. Die drei Glocken in ihrem Turm waren im Krieg ausgebaut und für Kanonen eingeschmolzen worden, zu Beginn der 50er Jahre hatte man sie ersetzt. Die Glocken (die man heute im Internet anhören kann und deren Klang mir immer noch so vertraut ist wie sonst kaum ein Geräusch) schlugen die Stunden und läuteten morgens und abends, sie waren das Lied meiner Kindheit.

Meine Eltern gingen nur Heiligabend in die Kirche, wir Kinder mussten jeden Sonntagmorgen um elf zum Kindergottesdienst. Geleitet wurde er von unserem Pastor Holtermann, einem großen Mann mit weißem Haarkranz und langen Zähnen. Er behandelte uns Kinder mit routinierter Freundlichkeit, konnte aber, wenn wir albern waren oder im Gottesdienst herumzappelten, böse, streng und autoritär werden, ähnlich wie mein Vater. Mit zwölf, dreizehn kamen wir zu ihm in den Konfirmandenunterricht, lernten die zehn Gebote und einige Psalmen auswendig, hörten die Vorträge des Pastors an, ein heiliges Geschwafel, das ich nicht verstand und das mich weder tröstete noch interessierte.

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

In dieser Zeit ging es mir schon sehr schlecht, ich schlief nicht und war oft extrem traurig. Niemand tröstete mich, im Gegenteil, im Angesicht der Kirche wurde alles noch viel schlimmer. Über dem Altar hing Jesus am Kreuz, der uns angeblich alle erlösen sollte. Wenn ich abends im Bett lag, nicht schlafen konnte, die Angst mich überrollte und ich mit dem Kopf aufs Kopfkissen schlug, dachte ich zu jedem Schlag, bitte, bitte, bitte, Jesus, mach, das das aufhört. Stundenlang betete ich, er möge mich von der Angst erlösen und mir den Schlaf bringen, aber er tat es nicht. Ich konnte nur den Schluss ziehen, dass ich SCHULDIG war, weil ich manchmal nicht gehorchte und manchmal auch SÜNDIGES dachte oder tat. Zum Beispiel, wenn wir Kinder uns in einem Hühnerhäuschen in der Nachbarschaft unseren nackten Po zeigten.

Jesus war eine Figur aus hellem Holz, deren mildes, gequältes Gesicht ich nicht vergessen kann. Aber anders als es Pastor Dannemann sagte, erhörte er mich nicht und half mir nicht in meiner Not. Wie angeschmiegt hing er am Kreuz, den hübschen Kopf mit welligem Haar und Dornenkrone zur Seite geneigt, Hände und Füße mit Nägeln durchbohrt, mit der Wunde in der Seite, die ihm die Knechte von Pontius Pilatus gestochen hatten. Ich schüttelte mich, wenn in der Passionsgeschichte die Stelle kam, wo ihm die Knechte nach der Kreuzigung einen Essigschwamm reichten, um seinen Durst zu stillen. Essig finde ich bis heute supereklig und Jesus am Kreuz tat mir unendlich leid, nicht wegen der Nägel in Händen und Füßen, sondern weil er den Essig trinken musste. Heimlich beneidete ich die Katholiken, weil sie so schöne Worte hatten, und auch zu Maria, der Schmerzensreichen beten durften, mit langen Litaneien, die ich gerne gesagt oder gedacht hätte. Gegrüßet seist du Maria voll der Gnade, gebenedeit bist du unter den Weibern. Ich wusste nicht genau, was diese Worte bedeuteten, ganz sicher war ich mir nur, dass ich nicht zu den Gebenedeiten gehörte. Als Erwachsene bin ich aus der Kirche ausgetreten, die mir in meinen schlimmsten Stunden keinen Trost und keine Hilfe gewährt hat.

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