Kindergarten

50er Jahre
Kindergarten
Kindheit
Nedderend
Oldenburg

Kindergarten

 

Meine erste Erinnerung an den Kindergarten ist, wie meine Mutter hinter einer geriffelten Glasscheibe verschwindet, ich sehe ihr Gesicht schemenhaft verlaufen, dann ist es weg. Auch meine Schwester verschwindet, sie kommt in eine andere Gruppe, weil sie schon drei ist. Ich bin gerade zwei geworden. Eine Tante nimmt mich an die Hand und bringt mich zu den anderen Kindern. Ich weiß nicht, was hier los ist, was sie tun oder spielen. Ich bin so fassungslos über das Verschwinden meiner Mutter, dass ich gar nichts mehr wahrnehme. Erinnerungsfetzen sind, dass es viele Kreisspiele gibt, bei denen ich mitmachen muss und manchmal an die Hand der Tante genommen werde. Diese Hand hat Warzen, davor ekele ich mich, das Bild ist noch sehr deutlich. Ich kann mich in der wuselnden Kindermenge niemandem anschließen, ich weiß gar nicht, was ich tun müsste, um da hineinzukommen. Es gibt Lieblingskinder, die es immer schaffen, auf den Schoß der Tante genommen zu werden und die lieb angesprochen werden. Zu denen gehöre ich nicht, ich gelte als bockig.

Deutlich ist die Erinnerung an die ständige Qual mit dem Mittagessen, das ich nicht mag, ich möchte hier überhaupt nichts essen. Einmal gibt es eine versalzene Suppe, die ich nicht hinunter bekomme. Diesmal lässt die Tante es mir nicht durchgehen. So werde ich in die Küche, wo Frauen in weißen Kitteln mit großen Töpfen hantieren, vor meinen vollen, bereits kalten Teller gesetzt. Ich glaube, dass ich nicht gegessen habe und über die gesamte Mittagspause den Ermahnungen und Ermunterungen der Küchenfrauen widerstanden habe. Das ist der erste Anfall von Widerstand, an den ich mich erinnere.  Ich glaube, dass ich bei den Tanten als widerspenstig gelte und nicht beliebt bin, sie kümmern sich nicht um mich, keine richtet ein freundliches Wort an mich oder führt mich an ein Spiel heran. Das hat auch zu tun mit dem Mittagsschlaf auf Holzpritschen mit Sisalgeflecht unter einer kratzigen Decke, den alle Kinder machen müssen. Auch hier bin ich schwierig, weil ich nicht schlafen kann und auf der Pritsche herumzappele.

Meine Schwester und ich sind von morgens acht Uhr bis nachmittags um fünf im Kindergarten an der Auguststraße in einer Souterrainwohnung. Wir gehen alleine dorthin und alleine wieder nach Hause. Wir tragen hochgeschnürte schwarze Lederstiefelchen, ich sehe noch unsere trabenden Füße auf dem Backsteinpflaster des  Bürgersteigs.

Nach unserem Umzug zum Nedderend muss ich zum Rauherhorst in den Kindergarten. Hier geht es mir zwar etwas besser und es ist manchmal sogar ganz schön. Zu Weihnachten wird ein Krippenspiel eingeübt, ich darf die Maria sein. Ich bekomme ein großes blaues Tuch, das über Kopf und Schultern gelegt wird. Es gibt auch einen Joseph, der einen Hut und einen langen Stock trägt, ich bin stolz, an seiner Seite zu stehen. Vor uns liegt eine Babypuppe in der Krippe. Wir werden mit Magnesium und Blitzlichtpulver fotografiert, eine leuchtende Flamme erhellt den Raum, der Stern von Bethlehem.

Aber ich möchte trotzdem nicht mehr den ganzen Tag in den Kindergarten, ich bettle meine Mutter an, nur vormittags hinzumüssen und zum Essen nach Hause zu können. Aber sie ist unerbittlich. Auch im zweiten Kindergarten quält mich das Essensproblem. Am schlimmsten sind die Tage mit Buttermilchbrei, dem Oldenburger Nationalgericht, das aus Buttermilch und Graupenklumpen besteht, für mich absolut nicht essbar. Ich setze durch, dass ich das nicht essen muss und ersatzweise Bratkartoffeln mit Spiegelei bekomme. Kurz, bevor ich in die Schule komme, fahren unsere Eltern in Urlaub, wir bleiben bei der Oma zuhause. Es ist Kindergarten, aber ich gehe einfach nicht hin, stattdessen spiele ich mit Inge. Das schlechte Gewissen quält mich, aber ich gehe nicht und widerstehe Omas vorwurfsvollem Blick. Auch dies ein kleiner Akt des Widerstandes.

Ich bin froh, als ich in die Schule komme. Fünfzig Kinder sind in der Klasse, die von einem Bollerofen beheizt wird. Hier gehe ich nicht mehr unter, sondern darf mich melden und etwas sagen. Obwohl ich begierig darauf bin lesen zu lernen, ist es am Anfang nicht so leicht. Wir müssen einzeln zu der Lehrerin vorkommen, ich glaube, sie hieß Fräulein Beier. Sie hat kleine weiße Pfefferminzbonbons und größere, mit rotem Glanzpapier umwickelte Schokoladenbonbons auf dem Tisch liegen. Wenn man einen Fortschritt im Lesen macht, bekommt man einen Pfefferminzbonbon, den roten nur, wenn man sehr gut war. Ich strenge mich an, ich will den roten Bonbon, und eines Tages klappt es. Die seltsamen kleinen Zeichen verwandeln sich in Buchstaben, die einen Sinn ergeben. Ich fange noch am gleichen Tag an, zuhause in einem Buch meiner Schwestern zu lesen. Plötzlich geht es ganz leicht. Lesen ist bis heute meine liebste Beschäftigung, wer weiß,  wie viele Millionen Buchstaben ich schon verschlungen habe.

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