Rotter Blüte

Antifaschismus
Arthur Gießwein
Hans Werner Otto
KZ Kemna
Machtergreifung
Naturfreundehaus Ronsdorf
Nordpark Verlag
Rott
Spanischer Bürgerkrieg
Wuppertal

Keine Heuchler an seinem Grab

In der biografischen Erzählung „Rotter Blüte“ rollt Hans Werner Otto die schier unglaubliche Geschichte des Wuppertaler Antifaschisten Arthur Gießwein auf und zeichnet gleichzeitig ein lebendiges Porträt des Barmer Stadtteils Rott.

Da steht sie, die „Rotter Blüte“, eine Gruppe von Jungen und Mädchen vom Rott auf einem Foto von 1927, fröhlich, selbstbewusst, die starke Verbundenheit ist den Kindern anzusehen. Zu ihnen gehören die Geschwister von Arthur Gießwein, der, 1904 als uneheliches Kind geboren, mit Mutter, Stiefvater und einer großen Geschwisterschar auf dem Rott in Barmen aufwächst. „Rotter Blüte“ heißt auch die biografische Erzählung, in der der Autor Hans Werner Otto die außergewöhnliche Lebensgeschichte des Arthur Gießwein erzählt. Um es gleich vorwegzunehmen: Dieses Leben, und damit auch das Buch, ist eine Wucht, ein zeitweise atemberaubender Parcours durch das kriegsgeschüttelte Europa, bestimmt vom antifaschistischen Widerstand, von der Suche nach einer politischen Heimat, von unbeugsamer Auflehnung gegen den Zeitgeist, von Angst und Flucht. Aus von Arthurs Sohn Rainer Gießwein zusammengestellten Dokumenten und Berichten hat Otto dieses Leben nachgezeichnet und da, wo es Leerstellen gibt, behutsam und poetisch rekonstruiert. Manchmal kreist er ungeklärte Fragen ein, stellt Mutmaßungen an, wie es gewesen sein könnte. Das bringt immer wieder Ruhe in den drängenden, komplexen, faktenreichen Text, der einen so in die Geschichte hineinzieht, dass man beim Lesen gelegentlich auftauchen muss, um Luft zu holen. So entsteht eine reizvolle, unbedingt lesenswerte Mischung aus Dokumentation und Literatur, angereichert mit der Geschichte des Antifaschismus in Wuppertal und darüber hinaus.  Gleichzeitig gelingt dem Autor ein liebevolles Porträt des „roten“ Stadtteils Rott, „wo die Sozialdemokratie der preußischen Rheinprovinz ihr Zentrum hat und das ‚Milieu‘ in den Arbeitervierteln mit seinen zahlreichen Gesangs-, Wander-, Spar- und Sportvereinen, schreienden Kinderhorden, roten Fahnen und Blaskapellen, Stammtischen und den Warteschlangen vor den Verkaufsstellen der Konsumgenossenschaft Alltagsleben und Straßenbild bestimmt.“

Im Juli 1932 – Arthur ist Mitglied der KPD, hat geheiratet und ist Vater geworden – erlebt er den Wahlkampfauftritt des KPD-Führers Ernst Thälmann im Stadion am Zoo, der 56 000 Zuhörer*innen anzieht, alles ist voller roter Fahnen. Am nächsten Tag tritt der Nazi Goebbels ebenfalls im Zoo auf, die SA marschiert und wird von den Linken mit Steinen beworfen. In Wuppertal toben Streiks gegen den Lohnabbau und Straßenkämpfe zwischen Roten und Faschisten. Arthur verteilt Flugblätter und wird verhaftet, glücklicherweise landet er nicht wie viele andere im Konzentrationslager Kemna – das bis heute als eines der brutalsten Lager der Nazis gilt – sondern „nur“ im Gefängnis Bendahl. Als er entlassen wird, heißt die Haspeler Straße Adolf-Hitler-Straße.

In Amsterdam gründet sich 1935 ein Wuppertal-Komitee, das die Nazi-Verbrechen gegen die Wuppertaler Gewerkschafter und Kommunisten anprangert. Arthur Gießwein, der zunehmend unter Druck gerät, verlässt Frau und Kind, geht nach Holland und nennt sich dort Jan Aage. Die Antifaschisten in Holland werden zur Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg aufgerufen. Arthur organisiert von Amsterdam aus die Reisen der Freiwilligen über Frankreich nach Spanien und schließt sich selbst den Kämpfern an. In Madrid wird er zum Oberleutnant befördert, dann bei einem Bombenangriff der Faschisten verschüttet und liegt sechs Wochen im Koma.

Nach seiner Genesung gerät er immer wieder mit der von Stalin beherrschten KPD aneinander und wird einmal fast als Renegat erschossen. Nach dem Sieg der spanischen Faschisten flüchtet Arthur nach Frankreich, im Internierungslager Gurs schließt er sich mit anderen KPD-kritischen Genossen zu einer „Unabhängigen Antifaschistischen Gruppe“ zusammen. „Er hat sich ausgegrenzt, sich abseits gestellt – aber er ist nicht allein, er gehört zu einer Gruppe aus abtrünnigen Kommunisten, Sozialdemokraten und Anarchosyndikalisten, und zusammen bilden sie eine sozialistische Einheit“, so Hans Werner Otto.

Die ersten Jahre des Zweiten Weltkrieges verbringt Arthur in einem Bautrupp der französischen Armee. Als die Deut­­­schen näher rücken, flüchtet er in das unbesetzte Südfrankreich. Eine Zeitlang schlägt er sich hier unter falscher Identität durch. Dann beordert ihn die Vichy-Regierung nach Emden, um dort auf der Nordseewerft die deutschen Arbeitskräfte zu ersetzen, die an der Ostfront kämpfen. Kurz vor Kriegsende wird Arthur von den Nazis enttarnt und in das Arbeitslager Ostermoor eingeliefert, es geht ihm dreckig dort und er rechnet mit seiner Erschießung.

Dann kommt das Kriegsende, die Erlösung. Arthur ist frei und fährt mit einem Fahrrad zurück in das zerstörte Wuppertal, sechs Tage braucht er dazu. Nicht nur der Rott liegt in Trümmern, auch seine Ehe ist in die Brüche gegangen, die Tochter ihm entfremdet.

Unter der Führung des Sozialdemokraten Robert Daum gründet sich in Wuppertal, wie in anderen Städten auch, der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund FDGB. Ihm schließt Arthur Gießwein sich an und steigt gleich aktiv in die Jugendarbeit ein. Er findet eine Stelle in der Wuppertaler Stadtverwaltung, in der Gewerkschaftsbewegung lernt er seine zweite Frau, Hedwig „Hetty“ Gadow kennen, deren Vater als Kommunist im KZ Kemna gesessen hat. Sie bekommen den Sohn Rainer.

Arthurs Suche nach einer politischen Heimat geht weiter. Er ist aus der KPD ausgetreten, tritt jetzt in den Bund der Verfolgten des Naziregimes (BVN) ein, eine Gegenvereinigung zur kommunistisch gesteuerten VVN, tritt aber Anfang der 50er Jahre wieder aus, weil ihm die Organisation zu rechtslastig wird. Wie schon vor dem Zweiten Weltkrieg schließt er sich erneut den Naturfreunden an, organisiert Wanderungen und Bildungsabende, baut am Naturfreundehaus in Ronsdorf mit. Familie Gießwein geht es jetzt gut, sie haben ein ausreichendes Einkommen und fahren regelmäßig in Urlaub. Über die Gesamtdeutsche Volkspartei GVP, in der er gemeinsam mit Gustav Heinemann und dem jungen Johannes Rau gegen die Wiederbewaffnung eintritt, und die Deutsche Friedensunion DFU nähert er sich – vermutlich auch als Reaktion auf den rechten Antikommunismus in der BRD – wieder den Kommunisten an und tritt 1968 in die gerade gegründete DKP ein. Es folgen Reisen in die DDR und die Sowjetunion, wo er mehrere Auszeichnungen für seinen Spanieneinsatz erhält. Als Arthurs Sohn Rainer Gießwein mit Hilfe seiner Mutter eine Wohnung in der Schnurstraße kauft, die damit aus der Sozialbindung herausfällt, werden beide aus der DKP ausgeschlossen, Arthur erklärt – wieder einmal – ebenfalls seinen Austritt. Ende 1973 stirbt er und hinterlässt, tief enttäuscht, in seinem Testament, er wolle keine Heuchler an seinem Grab sehen, „nur aufrechte, sozialistisch denkende und handelnde Menschen mit roten Fahnen und Kränzen mit roten Schleifen.“ cg

Otto, Hans Werner: Rotter Blüte, NordPark Verlag, Wuppertal 2020, 217 S., 15 €

 

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